Der Vinschgau, Romanik pur

St. Benedikt in Mals

Jedes Mal wenn ich über den Reschenpass nach Südtirol fahre genieße ich die Fahrt über die Malser Haide in den Vinschgau, in dem sich ein romanischer Kirchturm neben dem anderen aus den Dörfern und Fluren des Tals erhebt. Diese Mahnmale vergangener kultureller Blüte entlang alter Handelsrouten prägen bis heute die Tallandschaft. Dabei hat dieses Tal deutlich mehr als „nur“ Romanik zu bieten, etwa das wunderschöne mittelalterliche Städtchen Glurns, die monumentale Churburg, den Laaser Marmor und Äpfel, ganz viele Äpfel. Grüne, welche mit roten Wangelen, Apfelstrudel, Apfelbrand, Apfelsherry,… Erinnert mich ein bisschen an Forrest Gump und die Shrimps…

Aber zurück zur Romanik: diese Kunstepoche dauerte ungefähr von Mitte des 10. Jahrhunderts bis, je nach Region, Mitte des 13. Jahrhunderts. Sie zeichnet sich im Kirchenbau vor allem durch massive Mauern, kleine Rundbögen an den Fenstern und zwischen den Kirchenschiffen sowie die Verwendung von Materialien aus antiken Bauwerken (Spolien) oder das Aufgreifen vorchristlicher Formen und Zeichen.

Gleich zu Beginn, noch auf der Malser Haide entlang der Bunker des 20. Jahrhunderts, sieht man die romanischen Türmchen von Mals, dem ehemaligen Hauptort des Churer Bischofs im oberen Vinschgau. Hier ist vor allem St. Benedikt in Mals einen Besuch wert.

Hier bewegen wir uns mit einer Entstehung in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts sogar noch in vorromanischer Zeit. Nachdem die Kirche im Anschluss an ihre Profanierung sogar als Lagerraum genutzt worden war, hat der Fund karolingischer Fresken sie für Kunstinteressierte zu einem der wichtigsten Zeugnisse dieser Zeit in ganz Europa werden lassen. Ganz besonders einmalig ist die Darstellung des weltlichen Stifters, eines fränkischen Adeligen, in seiner typischen Tracht der damaligen Zeit, für die es in ganz Europa keinen vergleichbaren Fund gibt. Für einen Besuch der Kirche ist es ganz wichtig sich vorab über die Öffnungszeiten zu informieren, da z.B. während der Wintermonate die Kirche nur Samstags um 10:00 geöffnet ist.

St. Veith auf dem Tartscher Bühel

Direkt hinter Mals erreicht man das Örtchen Tartsch, wo auf dem schon in vorrömischer Zeit besiedelten Tartscher Bühel, die nächste Kirche der Romanik zu finden ist. St. Veith auf dem Tartscher Bühel. Die Kirche wurde im 11. Jahrhundert an der Stelle einer vorchristlichen Kultstätte errichtet und seitdem kaum baulich verändert. Während der Engadinerkriege 1499 fiel das Dach der Kirche den Bränden zum Opfer und wurde Anfang des 16. Jahrhunderts erneuert. Interessant sind vor allem die nur noch fragmentarisch erhaltenen romanischen Fresken der Apsis aus dem 12. Jahrhundert. Die Kirche ist normalerweise verschlossen und nur im Sommer einmal in der Woche im Rahmen einer Führung über den Tartscher Bühel zu besichtigen. Zuletzt tauchte die Kirche auch als Drehort im Film „das finstere Tal“ (2014) mit Tobias Moretti auf.

Fährt man den Vinschgau weiter hinab gen Meran erreicht man die Ortschaft Laas, bekannt für die dortigen Marmorbrüche. Etwas versteckt nordwestlich von Laas liegt St. Sisinius. Die Kirche dürfte dabei gleichen Ursprungs sein, wie St. Prokulus in Naturns und St. Stephan (Morter) beim Kloster Marienberg oberhalb von Burgeis. Die heutige Form dürfte zwischen dem 11. und dem 12. Jahrhundert entstanden sein, der Vorgängerbau aber aus der Karolingerzeit stammen. Die Kirche ist leider stets verschlossen und kann daher nicht von Innen besichtigt werden.

St. Sisinius

Als letzte Station erreicht man nach Laas die Ortschaft Naturns, wo mit St. Prokulus eine der schönsten (vor-)romanischen Kirchen Südtirols zu finden ist. Entstanden zwischen 630 und 650 n. Chr. ist die Kirche heute vor allem für ihre vorromanischen Fresken berühmt, die unter anderem Szenen aus der Heiligen-Vita des Veroneser Bischofs Prokulus zeigen. Leider ist die Datierung bis heute unklar, so dass man von einer Zeitspanne zwischen dem späten 7. Jahrhundert bis zur Wende 9./10. Jahrhundert unterschiedliche Angaben in der Fachliteratur findet. Unbestritten ist aber, dass dies der vollständigste Zyklus früher Wandmalereien in Tirol ist. Dis Darstellung eines keltischen Flechtbandornaments zeigt das Aufgreifen heidnischer Motive während des frühen Mittelalters, um der Bevölkerung den Übergang von alter zu neuer Religion zu erleichtern. Ähnlich wie auch Christi Geburt einfach auf den 24. Dezember (Wintersonnwende) gelegt worden war.

St. Prokulus in Naturns
Fresko auf dem sich der Hlg. Prokulus abseilt („schaukelt“), um aus Verona zu fliehen

Wem nach so vielen Kirchen und Fresken etwas der Kopf raucht, kann sich vielleicht mit einem besonders schönen Produkt den Abend versüßen. Womit wir wieder beim Apfel wären. Denn der Pomus, ein Apfeldessertwein, auch Apfelsherry genannt, ist die Art von „Apfelsaft“, die auch ich selber gerne trinke.

Kaiserpfalz Memleben

Etwas abseits der Haupttouristenrouten liegt die ehemalige Kaiserpfalz Memleben bzw. das von Kaiser Otto II. unweit der Pfalz gestiftete Benediktinerkloster Memleben. Der genaue Standort der Pfalz ist bis heute unbekannt, wird aber entweder auf der benachbarten Burg Wendelstein oder der nahen Altenburg in Wangen vermutet.

Als wir den kleinen Weiler erreicht haben und den aus allen Nähten platzenden Parkplatz erreicht hatten, waren wir ehrlich gesagt völlig schockiert. Schnell ist aber klar geworden, dass der Erlebnistierpark Memleben für all die Autos verantwortlich war, während das Kloster kaum mehr als zehn Leute besucht haben. Eine Schande, aber gut für uns…

Von der Klosterkirche des 10. Jahrhunderts sind nur noch der Grundriss und das Kaisertor erhalten, während das als Ruine erhaltene Langschiff der späteren Kirche aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert. Die Krypta dieser „neuen“ Kirche war für mich ein magischer Ort. Für wen das Mittelalter und die Protagonisten dieser Zeit nicht nur Namen und ferne Vergangenheit sind, der meint diesen viel zitierten „Geist der Geschichte“ dort nicht nur zu spüren, sondern tatsächlich zu erleben. Ich glaube meine Frau war ob meiner Glückseligkeit in der Krypta leicht belustigt gewesen.

Sehr zu empfehlen ist auch ein Besuch der angeschlossenen Museumsräumlichkeiten, da die Ruinen alleine, ohne entstprechende Vorkenntnisse, wenig spektakulär wirken können. Als Sterbeort Heinrichs I. und Ottos I. war die Kaiserpfalz Memleben und das von Otto II. zum Gedenken an Otto I. errichtete Kloster Memleben aber zweifellos einer der zentralen Orte dieser Herrschaftsdynastie.