Zwischen Montalcino und Montepulciano

Die Cantina Poliziano in Montepulciano

Neben dem Chianti Classico sind in der Toskana vor allem noch zwei Rotweine weit über die Grenzen hinaus bekannt. Der Brunello aus der Regio um Montalcino und der Vino Nobile di Montepulciano. Ähnlich wie der Chianti wird auch der Brunello aus Sangiovese Trauben gewonnen, aber aus einer speziellen Unterart, der Sangiovese Grosso. Da der Brunello nur in Montalcino selbst angebaut und vinifiziert werden darf, sowie der Ertrag pro Hektar 52 Hektoliter nicht überschreiten darf, zählt der Wein zu den renomiertesten, aber auch teuersten Rotweinen Italiens.

Unsere Rundfahrt durch das Val d’Orcia begann in Montalcino. Der Ort selber zählt sicher nicht zu den Hauptattraktionen der Toskana, aber seine Bedeutung für den Weinanbau macht die Gemeinde bis heute weit über ihre Grenzen hinaus bekannt. Wenn man Glück hat, erhält man direkt an der Festung einen Parkplatz, ansonsten gibt es noch zahlreiche weitere Autostellplätze unterhalb des Stadthügels, von denen aus man einige Meter nach oben steigen muss. Neben der Festung selbst, die bis 1361 errichtet wurde, beherbergen vor allem die Kirchen Sant Agostino und San Francesco einige sehenswerte Fresken aus dem 14. Jahrhundert. Der eigentliche Grund, warum wir seit Jahrzehnten wann immer möglich nach Montalcino fahren, hat allerdings mehr mit kulinarischen Gründen zu tun.

Der Laden der Azienda Agricola Villa dei Cipressi in Montalcino

Bei Hubert Ciacci und seinem kleinen Laden in Montalcino (wenn ich es richtig im Kopf habe in der Via Ricasoli) kann man die ganzen Produkte seines Familienbetriebes erwerben. Darunter auch den in meinen Augen besten Kastanienhonig, den ich bislang gegessen habe, da er nicht zu süß, sondern wunderbar herb und intensiv im Geschmack ist. Auch das Olivenöl ist hervorragend und die Preise seiner Weine, auch der Brunelli, die mittlerweile international sehr gute Bewertungen erhalten, sind verhältnismäßig günstig.

Etwas südlich von Montalcino steht die Abtei von Sant‘ Antimo, eines der Postkartenmotive der Toskana schlechthin. Diesen Abstecher sollte man sich tunlichst nicht entgehen lassen.

Sant‘ Antimo mit charakteristischer Zypresse und Olivenbäumen

Nach der legendenhaften Gründung unter Karl dem Großen, wurde die heutige Kirche ab 1118 errichtet. Die Äbte des Klosters Sant‘ Antimo gewannen schnell an Bedeutung und zwischen dem 10. und 12. Jahrhundert regierten sie sogar weite Gebiete zwischen Montalcino und der Maremma. Durch den Aufstieg Sienas und die dadurch erfolgende Eroberung Montalcinos 1212, begann der Niedergang des Klosters, weswegen der Bau der Kirche nie gänzlich beendet werden konnte, was etwa die unvollendete Fassade bis heute sichtbar macht. 1462 wurde das Benediktinerkloster dann gänzlich aufgehoben, weswegen heute weite Teile der Gebäude kaum bis gar nicht mehr erhalten geblieben sind.

Der romanische Kirchenbau wirkt in seiner Form und Ausgestaltung recht untypisch für die Toskana und dürfte seine Vorbilder deutlich stärker aus den Bauten in Frankreich (Cluny und Vignory in der Champagne) bezogen haben. Die mächtigen Travertinquader geben der Kirche zudem eine festungsartige Kompaktheit. An der Außenfassade ist vor allem die Figurengruppe der „Madonna mit den Evangelisten“ aus dem 12. Jahrhundert von Interesse. Ohne jegliche Bewegung, streng frontal ausgerichtet, handelt es sich hierbei um eine fast archaisch anmutende Darstellung, wie man sie aus früheren Jahrhunderten kennt, während das 12. Jahrhundert eigentlich bereits deutlich bewegter in seiner Art der Darstellung war.

Im recht schmucklosen Inneren der Kirche sind vor allem die Säulenkapitelle und die im Apsisumgang erhalten gebliebenen Fresken sehenswert. In einer nicht für Menschen über 1,80m gedachten kleinen Krypta liegt das Grabmal des Heiligen Antimo, der nach unterschiedlichen Legenden entweder aus Arezzo oder aus Sabina stammte.

Von Sant‘ Antimo ging es schließlich weiter zum letzten Stopp des Tages nach Montepulciano.

Blick auf Montepulciano

Da wir kurz nach ein Uhr Montepulciano erreicht haben, galt das erste Bedürfnis der Stärkung von Leib und Magen. Mit dem Restaurant La Grotta haben wir das Beste, allerdings nicht ganz preiswerte, Lokal unseres Urlaubs gefunden.

Direkt gegenüber des Restaurants liegt der Bau der vielleicht reinsten Renaissancekirche der Toskana. Das Meisterwerk Sangallos, die Madonna di San Biagio. Wahrscheinlich coronabedingt waren wir die einzigen Gäste an diesem Tag und hatten daher eine himmlische Ruhe im kleinen Garten des Lokals. Hoffentlich überlebt das Restaurant diese schweren Zeiten, da sie nicht nur herausragend gutes Essen servieren, sondern auch ein unglaublich gutes, eigenes Olivenöl verkaufen.

Madonna di San Biagio wiederum wurde 1519 bis 1540 nach Entwürfen des Florentiner Antonio da Sangallo dem Älteren auf dem Grundriss eines griechischen Kreuzes errichtet. Der Innenraum ist einer antiken römischen Basilika nachempfunden, vielleicht stand sogar die damals noch bestehende Basilika Aemilia in Rom Pate für diesen Kirchenraum.

Der schon zur Ertruskerzeit existierende Ort Montepulciano (nachweisbar bis 715 v. Chr.) besitzt heute eine deutlich lohnendere Altstadt als das zu Beginn des Tages besuchte Montalcino. Gerade die Piazza Grande mit Dom, Palazzo Comunale, dem Palazzo Tarugi von Sangallo und der Cantina Poliziano ist wunderschön. Nur die unverputzte und schmucklose Fassade des Doms, die nie vollendet wurde, wirkt etwas deplaziert. Man sollte sich durchaus eine Stunde Zeit nehmen, in Ruhe die teils steilen Gassen des Ortes zu durchstreifen.

Neben dem schönen Ortskern ist Motepulciano natürlich auch für seinen Wein, den Vino Nobile di Montepulciano bekannt. Auch dieser Wein basiert auf der Sangiovese-Traube (genauer der Prugnolo Gentile), enthält aber einen maximal 30% betragenden Verschnitt aus Canaiolo, Trebbiano und Malvasia Bianca Lunga Trauben. Der Anteil an weißen Trauben darf wiederum die 5% nicht übersteigen. Der Name des „edlen Weines“ (Vino Nobile) stammt evtl. daher, dass zunächst nur Adelige oder Patrizier diesen herstellen durften. Einer der international renommiertesten Produzenten des Vino Nobile ist das direkt an der Piazza Grande liegende Weingut Poliziano mit seinem Asinone genannten Wein. Allerdings liegen wir hier bei Flaschenpreisen jenseits der 30 Euro, weswegen für uns ein berühmten Werbezitat galt: Nur gucken, nich anfassen…

Im Gebiet des Chianti Classico

Die Badia a Passignano mit typischem Panorama der Chiantiregion

Die Hügellandschaft der Chiantiregion ist voll von kleinen mittelalterlichen Dörfern, die meist auf der Kuppe eines Hügels gelegen die Landschaft überblicken. Dazwischen liegen die unzähligen Weinberge des Chianti Classico und seiner seit 1932 erweiterten Anbaugebiete, wie Chianti Rufina oder Colli Senesi. Als Chianti Classico darf sich allerdings nur bezeichnen, wer im historischen Kern der Region um die Ortschaften Greve, Gaiole und Rada in Chianti liegt. Nur diese Weine und Weingüter dürfen den schwarzen Hahn, das Wahrzeichen des Chianti Classico, verwenden. Überwiegend aus der Sangiovese-Traube gekeltert, ist der Chianti heute, im Gegensatz zu Barolo und Vino Nobile, auch für Normalsterbliche wie mich finanzierbar, da sehr gute Vertreter bereits für 12-25 Euro und nicht erst ab 30-40 Euro die Flasche angeboten werden.

Einen guten ersten Überblick über Angebot und Preise erhält man in der Enoteca Bottega del Chianti Classico in Greve in Chianti an der Piazza Matteotti.

Neben der Enoteca lohnt eine Fahrt nach Greve auch für den sehr schönen Dorfplatz, die Piazza Giacomo Matteotti mit dem Denkmal für Giovanni da Verrazzano, einen italienischen Seefahrer, der ab 1524 weite Teile der nordamerikanischen Küste um die New York Bay herum erkundete. Seinen Geburtsort, das Castello di Verrazzano, kann man noch heute ganz in der Nähe von Greve in Chianti besuchen. Die dortigen Weinberge sind bereits seit 1170 belegt und der Chianti Classico des dortigen Weingutes gilt als einer der besten der Region.

Wer sich weniger für flüssige Freude und mehr für handfeste Dinge interessiert, dem sei dringend ein Besuch der Metzgerei Falorni an der Piazza Matteotti in Greve empfohlen, wo es in meinen Augen die beste Wildschweinsalami der Toskana gibt. Auch die anderen Salami und Schinken und die im Keller reifenden Peccorino-Käse sind ein Fest für den Gaumen.

Die Hügel der Chiantiregion bieten so viele interessante Orte, dass ich an dieser Stelle nicht alles zeigen kann, da ich nur einen Tag unterwegs war. Ich möchte aber eine Auswahl dessen zeigen, was es an unterschiedlichen Destinationen (Dörfer, Kirchen oder Abteien) gibt. Da die Entfernungen relativ klein sind, kann man sehr viele Einzelobjekte bequem an einem Tag besuchen.

Die Pfarrkirche San Leolino bei Panzano in Chianti wurde bereits im 10. Jahrhundert erwähnt und der heutige, dreischiffige romanische Bau entstand im 12. Jahrhundert. Vor allem das Tryptichon aus dem 15. Jahrhundert, Madonna mit Kind zwischen zwei Engeln, ein weiteres aus dem 14. Jahrhundert, mehrere Terrakotta-Arbeiten von Giovanni della Rovere sowie der Blick den man von hier über die Landschaft genießen kann, machen einen kurzen Zwischenstopp sehr lohnend.

In der Nähe von Rada in Chianti liegt das malerische Bergdorf Castello di Volpaia, das für mich einer der schönsten Orte der Region ist. Zugegebenermaßen war ich im Corona-Sommer 2020 dort, kann also nicht sagen, ob sonst deutlich mehr Touristen, und damit mehr Lärm und Unruhe meinen Eindruck verändern würden. Seit 1172 urkundlich bezeugt, lag das Castello di Volpaia genau an der Grenze zwischen Florenz und Siena und hatte damit eine enorme strategische Bedeutung. Viele der mittelalterlichen Baustrukturen sind bis heute erhalten geblieben und in die Wohnhäuser der Dorfes integriert worden.

22 km von Volpaia entfernt, etwas oberhalb von Gaiole in Chianti liegt die Badia a Coltibuono, ein 1051 gegründetes Benediktinerkloster, das zu den ältesten der Toskana gehört. Durch die Säkularisation unter Napoleon wurde das Kloster entweiht und leider in Teilen zerstört. Die Kirche etwa, muss man von Innen nicht besichtigt haben, dort ist außer den Außenmauern und dem Turm nichts mehr von der alten Baussubstanz erhalten geblieben. Heute ist die Badia vor allem für ihr renommiertes Weingut bekannt, dessen Chianti-Weine hervorragend sind.

Keine drei Kilometer von Gaiole in Chianti entfernt liegt das kleine Dörfchen Vertine mit seiner ebenfalls mittelalterlichen Struktur und Erscheinung. Bereits 1013 erstmals erwähnt, entwickelte sich das Castello di Vertine zur Hauptresidenz der Familie Ricasoli während des Aragoneser Kreiges 1452 – 1478. Die Ricasoli waren eine toskanische Adelsfamilie, deren noch heute existierendes Weingut, als das älteste Italiens gilt und Bettino Ricasoli verfasste 1872 die noch heute gültigen Regeln für die ideale Zusammensetzung an Rebsorten für einen Chianti. Die kleine Kirche des Ortes beherbergt einige schöne Fresken des 15. Jahrhunderts und die neuromanische Fassade aus den 1930er Jahren fällt gar nicht mal so unangenehm aus dem Rahmen der restlichen, mittelalterlichen Bausubstanz.

Einen kurzen Abstecher haben wir auch zur Pieve di Santa Maria a Spaltenna unternommen. Die romanische Kirche wurde im 11. Jhd. errichtet, hatte bei unserem Besuch aber leider geschlossen.

Zum Mittagessen ging es nach Montefioralle, einem kleinen Ort knapp zwei Kilometer von Greve in Chianti entfernt. Auch hier findet sich die erste Erwähnung der Burg im 11. Jahrhundert und die Familie des berühmten Seefahrers Amerigo Vespucci hat ihre Wurzeln hier in diesem Ort. Das heutige, wunderschöne Ortsbild entstand im 14. Jahrhundert. Im Restaurant Il Guerrino hat man von der Terasse einen wunderschönen Blick auf die umliegenden Hügel und erhält hervorragende toskanische Küche.

Auch die Badia a Passignano wurde von Benediktinermönchen aus Vallombrosa im 11. Jahrhundert gegründet. Die heutige von Zinnen bekrönte Anlage ist eine Symbiose aus Mittelalter und Renaissance, sowie eines der bekanntesten Weingüter Italiens. 1987 wurde die Badia von der Familie Antinori übernommen und Weine wie der Tignanello und der Solaia liegen in Bereichen von 80-100 Euro die Flasche.

Die Festung Monteriggioni wurde von den Sienesern zwischen 1213 und 1215 als Verteidigungsstützpunkt gegen Florenz errichtet. Heute gilt der Ort vielen als einer der eindrucksvollsten Orte der Toskana und fehlt auf keiner Liste der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Zugegeben, der Blick von unten auf die Stadt, mit ihrer 570m langen Stadtmauer und den 14 Türmen ist spektakulär! Aber nur, wenn man an der Straße einen sicheren und freien Parkplatz zum fotografieren und bestaunen findet. Erreicht man den Ort aber, und merkt, dass die Parkflächen für Touristen mehr Platz einnehmen, als der eigentliche Ort, schwindet bei mir die Begeisterung wieder. Betritt man Monteriggioni, findet man leider ein Paradebeispiel, wie Massentourismus und die Jagd nach dem perfekten Bild/Selfie, einen eigentlich wunderschönen Ort „zerstören“ können.

Meine Erinnerung kann mich zweifellos täuschen, aber als ich vor zwanzig Jahren das letzte Mal vor Ort war, gab es in Monteriggioni auch noch nicht-touristisches Leben, heute wirkt das Innere leider wie ein steriles Freiluftmuseum mit Bars, Restaurants und Souvenirläden, aber ohne echtes Leben. Ich glaube, ich werde kein weiteres Mal nach Monteriggioni kommen.

Kloster Neustift

Im Stiftshof von Kloster Neustift

1142 wurde das Augustiner-Chorherrenstift Neustift bei Brixen gegründet und befand sich unweit einer wichtigen Verkehrsschnittstelle an der sich die Straße vom Brenner kommend entweder gen Bozen oder gen Pustertal trennte. Durch die Tiroler Landesherren wurde das Kloster von Beginn an gefördert, selbst Kaiser Friedrich I. verlieh dem Kloster 1177 Marktrechte auf dem Ritten und schenkte dem Kloster Erzgruben bei Villanders und die Eisengrube Fursil in Buchenstein. Eine erste kulturelle Blüte erlebte das Kloster daher bereits unter Probst Konrad II. von Rodank 1178-1200, dessen Familie von der unweit gelegenen Burg Rodenegg am Eingang des Pustertals stammte. Probst Konrad verdankte das Kloster auch seinen raschen Wiederaufbau nach einer verheerenden Feuersbrunst am 17. April 1190.

Am Eingang in das Klostergelände steht noch heute die wehrhafte Engelsburg, die in der Folge der Türkeneinfälle 1474 und 1476 (Klagenfurt und Kärnten) erweitert wurde, aber bereits um 1200 entstanden war. Dabei wurden Bauteile der abgetragenen gotischen Stiftskirche verwendet. Ebenfalls am Eingang des Klosters befindet sich der Verkaufsraum der Cantina Novacella (Stiftskellerei Neustift). Das Eisacktal in dem das Kloster liegt ist vor allem für den Anbau des Kerners bekannt, da dieser recht robust und vor allem frostbeständig ist. Mit dem Praepositus bietet die Cantina Novacella einen der in meinen Augen besten Vertreter dieser Rebsorte in Südtirol. Vom Kernergrappa waren wir allerdings nicht sonderlich begeistert, da gibt es in unseren Augen auch in Südtirol deutlich bessere Alternativen.

Im Stiftshof steht der achteckige Brunnen der Wunder, der die sieben antiken Weltwunder zeigt und das Kloster Neustift als achtes Weltwunder präsentiert. Vor dem Weiterlesen eine kleine Aufgabe: bekommen Sie die sieben Weltwunder aus dem Stehgreif zusammen? Spieler des Computerspiels Civilization sind dabei sicher im Vorteil.

Bildseite mit dem Mausoleum von Halikarnassos

Die sieben Weltwunder der Antike, nach denen ich oben gefragt habe sind:

-Die Hängenden Gärten der Semiramis : Der genaue Standort dieses Weltwunders ist bis heute nicht eindeutig geklärt, zumal die Gestalt der Semiramis mehr einer Legende als einer tatsächlichgen historischen Person entspricht. Die beiden gängigsten Interpretationen verorten die Hängenden Gärten entweder im Südpalast des antiken Babylon und damit in der Zeit des Nebukadnezar II. (605-562 v. Chr.). Eine andere, neuere Deutung geht von einer Lage in Ninive aus. Damit wären die Gärten Teil des Palastes König Sanheribs von Assyrien gewesen und somit knapp 100 Jahre älter als bei der Deutung in Babylon.

-Der Koloss von Rhodos: Diese über 30m hohe Bronzestatue des Sonnengottes Helios befand sich an der Hafeneinfahrt der Inselhauptstadt Rhodos und stürzte 227/226 v. Chr. in Folge eines Erdbebens zusammen.

-Das Mausoleum von Halikarnassos: Das Grabmal für König Maussolos (377-353 v. Chr.), einen persischen Kleinkönig im heutigen Bodrum ist noch heute namensgebend für Begräbnistätten. Von dem Bauwerk selbst ist noch die Vertiefung der Grabkammer etwa acht Meter unter dem heutigen Bodenniveau zu sehen sowie die noch begehbaren Reste des das Bauwerk umfassenden Kanalisationssystems. In einem daneben liegenden Saal sind Reste von Reliefs und Baumaterialien zu sehen

-Der Leuchtturm von Pharos: Auf einer kleinen Insel vor dem antiken Alexandria wurde 299-279 v. Chr. der mit 115-160m höchste Leuchtturm aller Zeiten errichtet. Mehrere Erdbeben im Laufe seiner Geschichte zerstörten den Turm sukzessive, sodass nach den schwersten im 14. Jahrhundert der Turm nicht wieder aufgebaut wurde, sondern die Steine unter dem Sultan der Mameluken Kait-Bay ab 1480 in die nach ihm benannte Festung integriert.

-Die Pyramiden von Gizeh: Das bis heute vielleicht bekannteste Weltwunder der Antike sind die noch immer existierenden Pyramioden von Gizeh, die schon Teil zahlreicher Spielfilme waren und sich etwa von den Transformern zerstören lassen mussten. Seit 1979 sind sie Teil des UNESCO-Weltkulturerbes und liegen nur knapp 18 Kilometer südlich des Kairoer Statdzentrums.

-Tempel der Artemis in Ephesos: Dieser größte Tempelbau der Antike ist leider völlig zerstört und man kann nur noch seinen Standort, sowie einige minimale Reste nachweisen. Eine erste Bauphase lässt sich auf das 6- Jahrhundert vor Christus zurückdatieren, weitere wichtige Um-/Neubauphasen sind für das 4. Jahrhundet v. Chr. und die Zeit der Römer belegbar.

-Die Zeusstatue des Phidias: Die für den Zeustempel von Olympia 438-430 v. Chr. geschaffene sitzendes Statue war aus Gold und Elfenbein geschaffen und erreichte eine Höhe von 13 Metern. Auch dieses Weltwunder wurde leider zerstört, allein das Fundament blieb in Teilen erhalten.

Ein besonderes Highlight in Kloster Neustift ist aus meiner Sicht der um 1200 errichtete Kreuzgang mit seinen tollen spätgotischen Fresken. Diese werden oft dem großen Bildschnitzer und Maler Michael Pacher zugeschrieben, wobei ich auch von einer Urheberschaft des Johannes von Bruneck gelesen habe. Letzterer malte u.a. die Spitalkirche von Sterzing aus.

Die Klosterkirche von Neustift ist leider dem Barock zum Opfer gefallen, allein der Turm und das Langhaus sind architektonisch noch vom romanischen Ursprungsbau erhalten geblieben. Das Innere wurde 1734-38 von Joseph Delai aus Bozen barockisiert, die Fresken stammen vom Augsburger Matthäus Günther, was sie nicht unbedingt schöner macht, aber ein weiteres Mal die enge Verbindungen Augsburgs in den Südtiroler Raum beweist.

Eine Besichtigung des Klosters lässt sich hervorragend mit einem Abstecher ins nahegelegene Brixen verbinden oder einer Fahrt zur Burg Rodenegg am Eingang des Pustertals.

Brixen

Blick auf den Brixener Dom

Die heute drittgrößte Stadt Südtirols (knapp 22.500 Ew.) ist günstig an zwei ehemals sehr wichtigen Verbindungswegen gelegen. Einmal die Strecke entlang des Eisack weiter gen Bozen und zum anderen von Brixen aus durch das Pustertal gen Toblach/Innichen als bis ins 15. Jahrhundert wichtigster Straße nach Venedig. Von dieser früherer Bedeutung zeugen heute noch einige im direkten Umfeld Brixens gelegene Stätten. Hier wären das Kloster Neustift, eines der größten seiner Art in Tirol, das Kloster Säben, Schloss Rodenegg oder die von Erzherzog Sigmund errichtete Mühlbacher Klause am Eingang des Pustertals zu erwähnen.

Die Innenstadt Brixens erinnert noch heute ebenfalls an den Reichtum der Stadt, den Handel und die Lage als Residenzstadt des Fürstbischofs von Brixen vor allem während Mittelalter und Früher Neuzeit. Die typischen Laubengänge unter den Häusern finden sich hier genauso wie in Meran, Bozen oder Neumarkt und sind sichtbarer Beleg für die zahlreichen Fuhrwerke die in diesen Straßen verkehrten und Waren anlieferten oder abholten. Durch mehrere verheerende Feuer-/Brandkatastrophen sowie die Kriegsschäden aus dem Bauernkrieg 1525 ist jedoch einiges der mittelalterlichen Substanz verloren gegangen.

Eine relativ seltene Art der Darstellung findet man an der Kreuzung zwischen Säbenertorgasse, Kleinen Lauben und den Großen Lauben. Die dreigesichtige Holzfigur des Wilden Mannes (oder dreikopfeter Mann), die der Sage nach am Karfreitag um zwölf Uhr mit allen drei Köpfen Geldstücke ausspuckt. Die Darstellung sog. Wilder Männer findet man im Mittelalter immer wieder, meist haben diese aber keine drei Köpfe. Normalerweise ähneln sich die bildlichen oder figürlichen Funde aber stets in der starken Behaarung des Wilden Mannes und seiner enormen Körpergröße. Darüber hinaus sind sie meist barfuß und tragen eine Keule, werden also ohne tierische Attribute (wie die Bocksbeine bei Teufeln etc.) dargestellt. Ganz in der Nähe von Brixen, auf Schloss Rodenegg im berühmten Iwain-Zyklus findet sich eine Freskodarstellung eines Waldmenschen (Wilden Mannes).

Der kirchliche Mittelpunkt der Stadt ist zweifellos der Dombezirk von Brixen, der neben dem Dom Mariä Himmelfahrt auch die Johanneskapelle, die Frauenkirche und den Domkreuzgang umfasst. Leider sind vor allem hier die barocken Einflüsse kaum mehr zu übersehen bzw. haben die ursprüngliche mittelalterliche Bausubstanz fast völlig ersetzt. Wer schon mehrere meiner Artikel gelesen hat, weis daher um meine innige Liebe zu dieser Stilepoche, weswegen sich meine Innenbesichtigung des Doms in wenigen Sekunden erledigt hatte. Urpsrünglich als ottonische Münsteranlage errichtet, musste der Bau nach einem schweren Brand 1174 im Stile der Hochromanik erneuert werden. Nach einigen kleineren Umbauten und Anbauten in der Gotik wurde unter Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl zwischen 1745 und 1748 der Dom quasi neu errichtet. Ende des 19. Jahrhunderts kamen Neobarocke Erweiterungen dazu, etwa das Deckengemälde Paul Trogers, was in meinen Augen den Gesamteindruck erst recht nicht verbessern konnte.

Ein absolutes Highlight für mein barockgeschundenes Herz bietet der Brixener Dombezirk allerdings. Nämlich den Domkreuzgang, der fast vollständig mit Fresken der Gotik ausgeschmückt ist. Die Architektur mit dem Kreuzgratgewölbe der Arkaden entstand in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts und wurde seitdem fast nicht mehr verändert. Die Fresken des Kreuzganges stammen im wesentlichen aus drei Entstehungszeiten. Die früheste Malerei stammt aus der Zeit zwischen 1390-1440, der sog. „weiche Stil“ mit idealisierten Gestalten und Motiven (4. sowie 9. bis 13. Arkade). Darauf folgen Fresken aus der Mitte des 15. Jahrhunderts im Stil des beginnenden Naturalismus der Spätgotik (2., 3., 5., 14 und 15. Arkade) sowie Spätkunst des Mittelalters, die Landschaft und Körper beherrschte, im letzten Drittel des 15. Jahrhunderts (1. sowie 6. bis 8. Arkade). Ich glaube allein hier im Kreuzgang habe ich genauso viel Zeit verbracht, wie im Rest der Stadt Brixen zusammen.

Die Hofburg

Am Rande der Altstadt und des Dombezirks liegt die Hofburg der Brixener Fürstbischöfe. Ein erster Bau entstand ab 1265, wurde aber dann von Andreas von Österreich im 16. Jahrhundert abgebrochen und an die Stelle der mittelalterlichen Burg trat eine Renaissanceresidenz. Diese wiederum wurde unter dem bereits genannten Fürstbischof Kaspar Ignaz Graf Künigl im Stil des Barock erweitert und umgebaut. Seit der Säkularisation 1803 befand sich die Hofburg im Besitz des österreichischen Staates, wurde aber 1828 wieder den Brixener Bischöfen übergeben. Heute beherbergt die Hofburg das Diözesanmuseum und das Diözesanarchiv.

Gossensaß

Knappenhaus in Gossensaß

Nur wenige Kilometer von Sterzing entfernt liegt die Marktgemeinde Gossensaß, die wie kaum ein anderer Ort Tirols vom Bergbauboom des 15. und 16. Jahrhunderts profitiert hat. Als man im benachbarten Pflersch Eisen- und Silbererz fand, zogen Bergleute aus ganz Europa nach Gossensaß (und Sterzing), weswegen bereits 1419 der damalige Landesherr von Tirol, Herzog Friedrich IV. (mit den leeren Taschen) seinem Kanzler die Vollmacht zusprach, Schürfrechte zu verleihen. Denn, so steht es in dieser Urkunde, beinahe täglich würden neue Bergwerke oder Erze in Tirol gefunden/errichtet und die Leute würden oft heimlich daran arbeiten und somit die Erträge des Landesfürsten schmälern.

1427 wurde schließlich die Bergordnung von Gossensaß beschlossen, die für ganz Tirol den Bergbau regeln sollte. Auch dies zeigt, welche Bedeutung dem Ort damals zukam. Die Gossensßer Bergordnung hatte bis etwa 1447/49 Bestand, ehe Schwaz im Inntal sich zum neuen Hauptort der Tiroler Montanwirtschaft entwickelte. Diese Blütezeit erkennt man im Ort heute noch an Hand der zahlreichen Knappenhäuser mit ihren Erzstufen über den Eingangstüren.

Erzstufe an einem der Knappenhäuser

Diese Berbaugeschichte des Ortes wird ebenfalls offensichtlich, wenn man sich die zweigeschossige Barbarakapelle ansieht.

Die Barbarakapelle wurde im Auftrag der Herren und Knappen des Bergerichts Gossensaß um 1510 von Adam Scheiter aus Sterzing errichtet. Der größte Kunstschatz der bei meinem Besuch leider verschlossenen Kapelle ist der spätgotische Flügelaltar der bayerisch-salzburgischen Donauschule. Die Predella des Altars wurde vom Sterzinger Meister Matheis Stöberl bemalt.

Da man für die Besichtigung der Ortschaft nicht viel Zeit veranschlagen muss, kann man noch zwei kleine Zwischenhalte auf dem Weg nach Sterzing unternehmen.

Zunächst passiert man, wenn man die Brennerbundesstraße von Gossensaß nach Sterzing nimmt zu seiner linken die Burgrunie Straßberg, die sich heute in leider zunehmend schlechter werdenden Erhaltungszustand befindet. Zwischen 1263 und 1280 errichtet, diente die Burg zunächst, trotz ihrer strategisch nicht idealen Lage, zur Bewachung der Straße über den Brenner. Bis ins 16. Jahrhundert diente die Burg dann als Gerichtssitz für die Region Gossensaß-Sterzing, ehe dieser endgültig nach Sterzing verlegt wurde. Daraufhin wechselten die Besitzer der Burg oft, zu denen kurzzeitig sogar die Augsburger Kaufmannsfamilie der Fugger zählte.

Das ehemalige Zollhaus Lurx

Die nicht nur heute enge Verbindung zwischen Tirol/Südtirol und dem südlichen Bayern/Augsburg beweist das nur noch in Teilen erhaltene Zollhaus Lurx, nur wenige 100 Meter nach der Burgruine Straßberg. 1288 wird urkundlich erstmals berichtet, dass dieser Zoll im Besitz des Hochstifts Augsburg war und damit einer der zahlreichen entlang dieser Strecke. Allein für die Strecke zwischen Bozen und Innsbruck lassen sich zeitgleich mindestens die Zölle von Bozen, Kuntersweg/Friedburg, Säben, Lurx, Lueg/Gries am Brenner und Innsbruck nachweisen. Diese gehörten den Tiroler Landesfürsten (Lueg, Bozen, Innsbruck), dem Bistum Brixen (Säben), dem Hochstift Augsburg (Lurx/bis kurz nach 1400, dann landesfürstlich) sowie Privatpersonen (Kuntersweg seit 1314, ebenfalls später landesfürstlich).

Sterzing

Die Hauptstraße der Sterzinger Altstadt

Die Stadt Sterzing geht, trotz prähistorischer Funde die man im sog. Sterzinger Becken gemacht hat, vor allem auf die Gründung des römischen Vibidenum zurück. Dieser Name steckt auch heute noch in der italienischen Bezeichnung der Stadt: Vipiteno. Um 1280 wurde Sterzing von Meinhard II. zur Stadt erhoben und die Ausrichtung der Altstadt entlang der damals wichtigen Verbindungsstraße Richtung Brennerpass kann man noch heute sehr gut nachvollziehen. In der Folge erlebte die Stadt einen ersten Aufschwung, lag sie doch nicht nur günstig entlang der Strecke Innsbruck-Brennerpass-Brixen-Bozen, sondern auch am Anfang der Route über den Jaufenpass nach Meran und damit nach Schloss Tirol, dem Sitz der Tiroler Grafen.

Die für die Stadtgeschichte wichtigste Epoche begann aber erst mit den Erzfunden des 15. Jahrhunderts, sowie den neuen technischen Möglichkeiten des Bergbaus, mit denen man das Grundwasser aus den Stollen nach Oben leiten und somit aus dem Berg herausführen konnte und daher in größere Tiefen vorstoßen konnte. Das heutige Stadtbild wird daher fast ausschließlich durch die Architektur dieser Zeit geprägt.

Als Beginn der Blütephase Sterzings kann eine Urkunde Herzog Friedrich IV. von 1419 gelten, die feststellte, dass beinahe täglich neue Bergwerke oder Erze in Tirol gefunden bzw. errichtet würden. Seit 1456 lassen sich dann auch Augsburger Kaufmannsfamilien in der Tiroler Montanwirtschaft nachweisen, deren berühmteste Vertreter ohne Zweifel im 16. Jahrhundert die Familie Fugger war/wurde. Fährt man von Sterzing ins angrenzende Ridnauntal, erreicht man an dessen Ende den sog. Schneeberg. Dort befindet sich die älteste, seit 1237 nachweisbare, Silberförderstätte des Sterzinger Gebietes.

Als dann 1447 und 1449 auch im Inntal Bergbau im großen Stil begann, vor allem die Ortschaft Schwaz stand hier im Mittelpunkt, wurde der Bergbau der mit Abstand wichtigste Wirtschaftsfaktor der Grafschaft. Allein der Reinertrag des Bergwerkes Gossensaß (nächste Ortschaft von Sterzing aus gen Brenner) machte 1427 knapp 12,7% (ca. 9.076 rheinische Goldgulden) der gesamte Einkünfte Friedrichs IV. aus.

Die Haidenschaft

Um den Boom der Montanwirtschaft zu lenken, entstanden die sog. Berggerichte. Der Sterzinger Bergrichter residierte in der sog. Haidenschaft, einem noch heute existierenden mittelalterlichen Bau knapp außerhalb der Altstadt, auf der gegenüberliegenden Flussseite. Der Reichtum der Bergleute zeigt sich aber auch in Sichtweite der Haidenschaft in der Altstadt.

Vor allem die Spitalkirche von Sterzing, mit ihrer wunderbaren spätgotischen Freskierung im Inneren zeugt heute noch vom Wohlstand der Stadt, die es sich leisten konnte berühmte Künstler für die Ausgestaltung ihrer Kirchen zu engagieren. Zwischen 1400 und 1415 wurde die Spitalkirche von Johannes (Hans) von Bruneck ausgemalt, dem Begründer der Pustertaler Malschule, der auch ein Michael Pacher zuzurechnen ist. Die Fresken zählen zu den bedeutendsten ihrer Art im Alpenraum, mussten aber im 20. Jahrhundert erst wieder von Übermalungen und Schäden befreit werden.

Auch viele Sterzinger Familien wurden durch den Bergbau reich und ließen sich in der Folge prachtvolle Stadthäuser errichten, wie etwa die Familie Flamm. Am prunkvollsten ist aber zweifellos der Ansitz der Familie Jöchl in der Sterzinger Neustadt. Dieses Ensemble, das heute Elemente von der Gotik bis in den Barock aufweist, befindet sich noch heute in Privatbesitz (Die Grafen von Enzenberg leben hier), weswegen die Fresken und die drei spätgotischen Holzdecken aus dem 15./16. Jahrhundert im Inneren leider nicht besichtigt werden können.

Vor den Toren Sterzings, vom Kreisverkehr nach der Autobahnausfahrt gut zu sehen, liegt die Deutschordenskommende Sterzing. Diese wurde 1254 gegründet, zählte aber nie zu den wohlhabenderen Niederlassungen des Ordens. Eine Besichtigung ist nicht zwingend geboten, da man außer von Außen nicht viel zu sehen bekommt. Nur für mich als Mittelalterhistoriker verströmt der Ort natürlich auch heute noch einen ganz eigenen Flair.

Die Bedeutung des Sterzinger Beckens zeigt sich auch darin, dass zu beiden Seiten des Wipptales zwei wehrhafte Burgen die Straße gen Brixen bewachen. Diese sind Schloss Sprechenstein und Burg Reifenstein. Während erstere nicht besichtigbar ist (in Privatbesitz) kann man bei Burg Reifenstein zumindest bis in die Vorburg gelangen. Um 1110 erbaut, gelangte sie 1470 in den Besitz des Deutschen Ordens, der sie weiter ausbaute und befestigte. Reifenstein wurde in seiner Geschichte niemals erobert und zerstört und gilt deshalb heute als besterhaltene mittelalterliche Burganlage Südtirols. Heute befindet sich die Burg im Besitz der Familie von Thurn und Taxis, kann aber mit Führung besichtigt werden.

Passeiertal

Blick ins Passeier vom Jaufenpass aus

Das Passeiertal verläuft von Meran kommend entlang einer alten Handelsstraße bis St. Leonhard in Passeier. Von dort teilen sich die Wege, einmal über den Jaufenpass nach Sterzing am Fuß des Brennerpasses, oder weiter durch das Hinterpasseier über das Timmelsjoch ins Ötztal. Noch heute lassen sich Spuren der einstigen Bedeutung dieses Handelsweges entlang der Tallandschaft finden, was das Passeier, neben seiner grandiosen Landschaft auch zu einer kulturell spannenden Region macht.

Beginnt man von Meran kommend mit einer Fahrt durch das Passeier, sollte man einen ersten Zwischenstopp in Schenna einlegen.

Wohl schon zur Zeit der Römer besiedelt, entwickelte sich Schenna im Mittelalter auf Grund seiner Nähe zum Stammsitz der Grafen von Tirol schnell zu einer florierenden kleinen Ortschaft. Im 14. Jahrhundert erteilte Markgraf Ludwig von Brandenburg (Sohn Kaiser Ludwigs des Bayern), der damals auch Graf von Tirol war, dem Petermann von Schenna die Erlaubnis das noch heute existierende Schloss von Schenna zu errichten. Dieses Schloss ist noch immer in Privatbesitz und die Führung durch das Gemäuer übernimmt der noch heute dort lebende Graf von Spiegelfeld persönlich. Neben Gemälden der Biedermeier-Zeit (u.a. von Eduard Gurk) beherbergt das Schloss auch die größte private Andreas-Hofer Sammlung Tirols.

Generell begegnet einem der Name Andreas Hofer im deutschsprachigen Südtirol fast überall, aber nirgends so oft, wie in seiner Heimatregion, dem Passeier. Als Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung gegen die Truppen Napoleons und dem mit diesem verbündeten Königreich Bayern, ist Hofer heute so etwas wie DER Volksheld der deutschsprachigen Südtiroler. In seinem Geburtshaus, dem Sandhof bei St. Leonhard in Passeier, befindet sich zudem auch ein großes Museum zum Leben, aber auch zum Mythos Andreas Hofer und seiner Vereinnahmung durch den Faschismus.

Aber zurück zu Schenna, wo man vor allem auch der St. Georgs-Kirche einen Blick widmen sollte. Diese im 12. Jahrhundert errichtete Rundkirche ist mit Fresken des 14. Jahrhunderts geschmückt und der spätgotische Flügelaltar wird der Werkstatt des Hans Schnatterpeck zugeschrieben. Dieser gilt als einer der bedeutendsten Holzschnitzer seiner Zeit und sein großes Meisterwerk kann in der Pfarrkirche von Lana bestaunt werden.

Das Mausoleum Erzherzog Johanns von Habsburg wurde 1869 geweiht und ist im Stil der Neugotik gestaltet. Im Untergeschoss dieses Bauwerkes liegt Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich, Bruder Kaiser Franz I. begraben. Damit war er gleichzeitig auch Bruder des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, denn Franz I. war von 1792 bis 1806 auch Kaiser Franz II. vom Heiligen Römischen Reich gewesen.

Den nächsten Zwischenhalt legten wir damals auf der anderen Talseite in der Gemeinde Riffian ein. Dort steht die barocke Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes, deren heutige Form, aufbauend auf einem gotischen Vorgängerbau, 1669-71 geschaffen wurde. Das Innere ist fürchterlich barock, beherbergt aber auch das Gnadenbild der Muttergottes, das Bauern der Legende nach durch ein Leuchten erkennbar in der Passer gefunden hatten und das die Wallfahrt nach Riffian begründete.

Für mich kunst- und kulturhistorisch deutlich spannender aber ist die direkt anschließende Friedhofskapelle mit ihrem grandiosen gotischen Freskenschmuck.

Die Kapelle Unsere Liebe Frau am Friedhof wurde 1415 von einem Meister Wenzeslaus ausgemalt. Dessen genaue Herkunft ist bis heute umstritten, die Qualität seiner Arbeit macht ihn aber unzweifelhaft zu einem der bedeutendsten Freskenmaler seiner Zeit in Tirol, der eindeutig in der Tradition der Veroneser Malschule steht. Zugleich weißt der renommierte Kunsthistoriker Leo Andergassen auf die offensichtlich politische Botschaft der Fresken hin, die sich klar gegen den damaligen Tiroler Landesherren Friedrich IV. positionierten (dazu: Leo Andergassen: Aspekte des Kunsttransfers, in 1363-2013. 650 Jahre Tirol mit Österreich, Innsbruck 2015, S. 320f.).

Hauptkirche von St. Leonhard in Passeier

Nach dem man einige der schönsten Schildhöfe (dies waren bäuerliche Anwesen, deren Beseitzer für Kriegsdienste vom Tiroler Landesherren besondere Rechte und Freiheiten erhalten haben, u.a. diese teils Burg-ähnlichen Höfe zu errichten) des Passeiers passiert hat, allen voran den Schildhof von Saltaus, erreicht man St. Leonhard in Passeier. Die dortige Hauptkirche hat leider ihren wichtigsten Kunstschatz, den Flügelaltar von Hans Klocker verloren, weswegen der für mich spannendste Ort die Ruine der Jaufenburg war.

Auch die Jaufenburg ist ein noch heute sichtbarer Beleg für die ehemalige Bedeutung des Handelsweges über den Jaufen. Einst war der Jaufen auf beiden Seiten durch Burgen geschützt und neben der Jaufenburg befand sich auf der Sterzinger Seite noch Burg Reifeneck (Reyfnegk), deren Zustand heute jedoch noch ruinöser ist, als der der Jaufenburg. Letztere wurde im späten 13. Jahrhundert errichtet und taucht urkundlich erstmals 1320 als turn under Jauven auf. Leider ist die Burg meist nur von Außen zu besichtigen und die im vierten Stock des Bergfriedes erhaltenen Renaissancefresken eines Sohnes von Tilman Riemenschneider (einige der ganz wenigen Renaissancefresken Südtirols) bleiben dem Besucher somit versperrt.

Der Ritten

Blick vom Ritten auf die Dolomiten und den Schlern

Eine der zahlreichen Verbindungsrouten Tirols, die bereits in prähistorischen Zeiten genutzt wurde, ist der Weg über den Ritten. Auch die Römer nutzten diese Straße, konnten aber dank ihrer Sklaven als billigen Arbeitskräften auch die Passage zwischen Kollmann und Bozen unten im Tal jedes Jahr aufs Neue wieder gangbar machen/halten. Im Mittelalter änderten sich diese Voraussetzungen und der Abschnitt unten im Tal wurde auf Grund der jährlichen Beschädigungen bei Hochwasser unpassierbar.

Dadurch stieg die Bedeutung des Rittenweges, war er doch die natürliche Umgehung der unpassierbaren Passagen im Tal. In der Geschichtsforschung erhielt er auch den etwas übertriebenen Namen des „Kaiserweges“, da der Ritten auch mehrfach zur Überquerung der Alpen durch die Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches genutzt wurde. 1191 etwa ist der Aufenthalt Heinrichs VI. in Bozen belegbar, für Klausen oder Brixen kann man sogar deutlich mehr Aufenthalte nachweisen.

Möchte man selbst auf den Spuren der Kaiser über den Ritten fahren, sollte man in Klausen die Brennerbundesstraße Richtung Villanders verlassen und im Ansitz Steinbock erstmal zum Mittagessen einkehren. Gehobene Tiroler Küche in 500 Jahre altem Ambiente mit grandiosem Ausblick über das Eisacktal belohnen diesen kleinen Abstecher.

Blick auf das Kloster Säben

Blickt man hinab ins Eisacktal, dann fällt vor allem das Kloster Säben ins Auge, das dort die Engstelle des Tals (daher auch der Ortsname Klausen von Klause/Engstelle) seit dem frühen Mittelalter bewacht. Zunächst noch als Bischofssitz genutzt, verlor Säben diesen Status, als die Stadt Brixen im 10. Jahrhundert zum neuen Bischofssitz wurde. Später war Säben nur noch als bischöfliche Wehrburg in Nutzung. Diese ehemals militärische Nutzung sieht man dem im 17. Jahrhundert zum Kloster umgewidmeten Areal nach wie vor an. Die Lage an der Talsperre von Klausen machte Säben auch zu einer wichtigen Zollstelle innerhalb Tirols, für deren Bestehen sich erstmals 1027 Belege finden lassen.

Fährt man von Villanders weiter Richtung Lengmoos passiert man die kleine Ortschaft Mittelberg, wo man an der Außenfassade der direkt an der Straße stehenden St. Nikolauskirche einen direkten Beleg für den früheren Warentransport auf dieser Route finden kann. Unterhalb der der Straße zugewandten Christophorusdarstellung befindet sich auf dem Fresko auch eine Darstellung eines mit einem großen Fass beladenen Fuhrwagens. Diese wohl aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammende Darstellung zeigt einen für die Zeit typischen Wagen, der sich in seiner Technik bis zu den Planwagen der amerikanischen Westbesiedelung im 19. Jahrhundert kaum mehr verändert hat.

Erdpyramiden am Ritten

Zwischen Mittelberg und Lengmoos kann man ein ganz besonderes Naturphänomen bewundern; nämlich die sog. Erdpyramiden. Diese geologischen Formationen entstehen dadurch, dass große Teile des Untergrundes am Ritten späteiszeitlicher Moränenlehm der damaligen Gletscher ist. Im trockenen Zustand ist das Material steinhart, wird aber bei Berührung mit Wasser wieder langsam zu einer breiigen Masse. Kommt dann ein großer Felsblock dazu, der auf der Spitze einer solchen langsam erodierenden Struktur liegen bleibt, entstehen diese Pyramidenformen. Einige dieser Pyramiden können eine Höhe von bis zu 30m erreichen und sind nur an wenigen Orten am Ritten zu finden. Im Finsterbachgraben zwischen Lengmoos und Mittelberg (siehe Bild), im Katzenbachgraben bei Oberbozen, im Gasterergraben in Unterinn und in der schwer zugänglichen Gasserlahn bei Oberinn.

Der Hauptort der Rittenregion war auch schon im Mittelalter Lengmoos. Seit 1211 ist das Bestehen eines Hospizes in Lengmoos bezeugt, das ad refectionem pauperum per stratam de Riten transeuntium Sorge tragen sollte (also zur Versorgung der Armen, die die Straße über den Ritten überqueren.). Am 13. Juli 1225 wurde zudem die Einweihung des neuen Kirchengebäudes von Lengmoos vollzogen und 1235 wurde das Hospiz vom Deutschen Orden übernommen. Lengmoos wurde in der Folge sogar kurzzeitig Sitz der „Ballei an der Etsch und im Gebirge“, also Zentrum des Deutschen Ordens in Tirol, ehe dieses wenige Jahre später nach Bozen verlegt wurde. Teile dieser Deutschordenskommende sind bis heute in Lengmoos erhalten geblieben, auch die Kirche steht noch.

Wanderung zum Finailhof

Startpunkt am Vernagter Stausee

Die Wanderung zum Finailhof ist sowohl im Frühjahr, als auch im Herbst, eine landschaftlich sehr schöne Tour im hinteren Schnalstal. Da es keine ausgesetzten Stellen gibt, ist sie auch gut für Kinder geeignet, gerade aber wenn man den großen Rundgang macht, wie ich ihn beschreibe, sollte man eine gute Kondition mitbringen.

Direkt am Vernagter Stausee auf 1689 m gibt es mehrere Parkmöglichkeiten. Von hier überquert man die Staumauer und folgt in einem steten Auf und Ab dem Südufer des Stausees. Dabei kommt man auch am „Ablauf“ des Sees vorbei, den man oben im Bild links erkennen kann.

Unsere tierischen Begleiter

Während wir entlang des Südufers unterwegs waren, haben sich einige sehr hartnäckige Begleiter unserer Gruppe angeschlossen. Dabei sollte man aber bitte stets darauf achten, einigen Abstand zu wahren und die Tiere nicht zu streicheln. Wir Stadtmenschen können nicht abschätzen, wie die Tiere reagieren werden, und leider haben Wanderer auch schon tödliche Begegnungen mit Kühen gehabt.

Nach einiger Zeit verlässt man den Wald, überquert den Schnalser Bach und muss dann noch einige hundert Meter der Straße nach rechts folgen, ehe man dann wiederum links der Markierung „8“ folgend einen Wanderweg betritt.

Der Weg führt dann fast bis zum Finailhof durch einen lichten Lärchenwald, der immer wieder wunderschöne Ausblicke auf die umliegende Berglandschaft und den Stausee ermöglicht.

Der Finailhof

Der Hof liegt auf 1973 m und war bis 1967 der höchstgelegene bewirtschaftete Kornhof Europas. Bereits seit 1290 nachweisbar, stammt das heutige Hauptgebäude aus dem Übergang des 15. zum 16. Jahrhundert, die Innenausstattung, etwa die Stube, dürfte überwiegend aus dem 19. Jahrhundert stammen.

Wenn es die Möglichkeit gibt, sollte man hier unbedingt eine ganz besondere Süßspeise essen: Die Finailer Schneemilch. Dieses frühere Festtagsgericht besteht aus Weißbrot, das mit Zuckerwasser und Zitronensaft getränkt wird. Dann werden Rosinen, Korinthen und Pinienkerne zugegeben, ehe es eine mit Zimt bestäubte Sahnehaube erhält.

Auch die Fleischwaren stammen alle aus hofeigener Produktion.

Vom Finailhof sollte man nicht weiter der Markierung „8A“ folgen, sondern sobald als möglich auf den Weg „7“ ausweichen, der zwar etwas länger ist, aber landschaftlich schöner und zudem an den historischen Raffeinhöfen und dem Tisenhof vorbeiführt. Auch der Tisenhof ist bereits seit 1306 nachweisbar und Teile der Innenaustattung reichen bis ins Jahr 1782 zurück.

Wenn man nach der Wanderung das Schnalstal wieder verlässt, rentiert sich ein Zwischenhalt am Vinschger Bauernladen direkt unter Castel Juval an der Hauptstraße.

Wanderung durchs Pfossental

Start der Tour am Gasthof Jägerrast

Das Pfossental erreicht man über das Schnalstal, indem man bei Karthaus rechts auf die sehr schmale und steile Straße durch das Pfossental einbiegt. Dieser folgt man mit dem Auto bis zu ihrem Ende am Gasthof Jägerrast, von wo man zu Fuß weitergeht.

Von den Einheimischen Vorderkas genannt, wird der Gasthof nur zwischen Ostern und Allerheiligen bewirtschaftet, was meines Wissens auch für alle dann noch folgenden Höfe gilt. Daher sollte man eigene Getränke und Essen mitführen, wenn man außerhalb dieser Zeiten unterwegs ist.

Auch hier gab es wieder tierische Begleiter

Der Vorteil (oder Nachteil, je nach Perspektive) der Strecke durch das Pfossental ist, dass es nur einen Weg hinein, und damit auch nur den selben Weg wieder hinaus gibt, weswegen man sich nicht verlaufen kann. Der Beginn der Strecke liegt auf 1694 m, am Ende wird man sich auf 2076 m befinden.

Die Mitterkaser Alm

Je nach Jahreszeit und Sonnenstand führt vor allem der Beginn der Strecke durch den Schatten, was wie hier Ende Oktober, doch recht kühl sein kann, weswegen sich trotz guten Wetters das Mitführen einer Jacke/dickeren Pullovers empfiehlt.

Blick auf die Texelgruppe

Nach der Mitterkaser Alm erreicht man den Rableid Hof, wo wir einen der besten Kaiserschmarrn und eines der besten Speckbrettl unseres Lebens bekommen haben, weswegen ich eine Einkehr hier nur empfehlen kann.

Das Ende der Tour erreicht man an der Eishofalm, da es von hier aus dann nur noch ins Hochgebirge auf teilweise über 3000 m geht. Für Tourengeher lohnen sich aber zweifellos die Wege über die Stettiner Hütte (2875 m) ins Passeier. Zudem gehört dieser Abschnitt zu den landschaftlich schönsten Teilen des langen Meraner Höhenwegs.