Heiliges Apulien

Blick auf Manfredonia

Neben der Grabstätte des Heiligen Nikolaus in Bari liegen noch einige weitere sehr wichtige Heiligtümer des Christentums in Apulien, genauer gesagt im Gebiet des Gargano. Begonnen hat unsere Tour damals an einem dem normalen Touristen eher unbekannten Ort: dem Convento di San Matteo Apostolo.

Wenige Kilometer östlich von San Marco in Lamis liegt auf einer Hügelkuppe das Benediktinerkloster des Apostels Matthäus (ursprünglich glaubte man, Apostel und Evangelist Matthäus seien die selbe Person gewesen, neuere Forschungen haben dies jedoch widerlegt.), das wahrscheinlich unter den Langobarden im 5. bis 6. Jahrhundert gegründet wurde. Einen ersten sicheren Beleg für das Bestehen des Klosters findet sich aber erst im Jahre 1007. Dieses Kloster ist einer der ältesten baulichen Belege für die im Frühmittelalter bereits großen Pilgerströme, die auf der hier verlaufenden Via Francigena unterwegs waren. Häufiger Endpunkt war das Michaelsheiligtum von Monte Sant’Angelo das ich etwas weiter unten vorstellen möchte.

San Matteo hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, von der ursprünglichen Bausubstanz ist nur wenig erhalten geblieben. Freskenreste in der Kirche und vor allem der idyllische Kreuzgang sind aber einen Besuch wert.

Nur wenige Kilometer weiter östlich, ebenfalls direkt am Verlauf der Via Francigena gelegen erreicht man San Giovanni Rotondo. Hier kann man täglich erleben, wie sehr Glaube und Heiligenverehrung noch immer das Leben vieler Menschen bestimmt und leitet. Nach Guadalupe in Mexiko und Rom ist San Giovanni Rotondo der drittmeist besuchte Wallfahrtsort der Christenheit. Knapp 7 Millionen Menschen jährlich kommen hier her.

Hier in San Giovanni lebte und wirkte Pio von Pietrelcina (Santa Maria delle Grazie war seine Heimatkirche), der zu Lebzeiten die Fähigkeiten des Heilens, der Prophetie und der Seelenschau besessen haben soll und, wie etwa Franz von Assisi vor ihm, die Stigmata/Wundmale Jesu empfangen haben soll. Meist nur als Padre Pio bezeichnet starb er 1968 und schnell entwickelte sich ein Kult um ihn, der ihn mittlerweile zum wahrscheinlich wichtigsten Heiligen Italiens werden lies (seit 2002 heilig gesprochen). Die Forschung sieht die Person Padre Pios deutlich kritischer, etwa seine Nähe zum Faschismus und seine für einen Mönch völlig unüblichen geschäftlichen Aktivitäten.

Unabhängig dieser Widersprüche hat sich heute eine ganze Industrie um Padre Pio und San Giovanni Rotondo entwickelt. Diese Kommerzialisierung des Heiligen stößt auch innerkirchlich immer wieder auf Kritik, da Jesu ja einst die Händler aus dem Tempel vertrieben und nicht sie hineingebeten hätte. Dies sieht man auch in San Giovanni an allen Ecken und Enden.

Die schiere Größe der neugebauten Kirche San Pio da Pietrelcina zeigt aber auch, welche Menschenmassen dieser Heilige bewegt. 1991 bis 2004 vom italienischen Stararchitekten Renzo Piano erbaut, bietet dir Kirche heute bis zu 6.500 Menschen gleichzeitig Platz, wenn man die Seitenwand öffnet und den Vorplatz mit einschließt, kommen hier regelmäßig bis zu 35.000 Gläubige zusammen. Für Liebhaber moderner Architektur ist diese Kirche zweifellos ein Leckerbissen, für Menschen wie mich war San Giovanni Rotondo ein Tripp in eine andere, fremde Welt, die ich gerne wieder verlassen habe.

Für mich das Highlight des Tages war das deutlich ältere Heiligtum des Erzengels Michael in Monte Sant’Angelo, wiederum einige Kilometer weiter östlich gelegen. 492 erschien hier einer Legende zu Folge der Erzengel einem Hirten, worauf sich hier das erste und lange Zeit wichtigste Michaelsheiligtum Europas entwickelte. Hier liegt zum Beispiel auch das Vorbild für das heute wohl bekannteste Michaelsheiligtum Europas am Mont Saint-Michel in der Normandie.

Eingang zur Grottenkirche des Heiligen Michael

Oberirdisch sind vom Heiligtum nur die Eingangshalle von 1395 und der achteckige Glockenturm von 1273/74 zu sehen, der Rest liegt unter der Erde in Form einer Grottenkirche. Seit 2011 zählt dieses Ensemble auch zum UNESCO-Weltkulturerbe der langobardischen Geschichte Italiens. Vor der Eingangshalle findet sich noch eine Bronzetür aus dem Jahre 1076 – die älteste dieser Art in Apulien. Wer die Grottenkirche selbst betritt, dem sollen alle Sünden vergeben werden.

Das Heiligtum war früher so wichtig, dass man es als Beginn der normannischen Geschichte in Süditalien bezeichnen kann. Denn viele Normannen pilgerten zunächst nur hierher, ehe sie sich in der dann für sie bekannten Region niederließen bzw. als Söldner anheuern ließen. Michael war zudem für die kriegerischen Normannen immer einer der wichtigsten Heiligen gewesen, konnte man sich als Soldat doch einfacher mit dem schwertschwingenden Erzengel identifizieren als mit vielen anderen eher friedlicheren Heiligen.

Santa Maria Maggiore

Das Heiligtum des Erzengels war aber auch während des Mittelalters ein Wirtschaftsfaktor gewesen, was man an weiteren eindrucksvollen Gebäuden des Städtchen erkennen kann. In der Tomba di Rotari, einem bis heute in seiner Funktion nicht ganz klaren Gebäude des 11. Jahrhunderts kann man noch einige beedinruckende Kunstobjekte des Mittelalters bestaunen. Gerade die figürlichen Darstellungen der Säulenkapitelle sind hier zu erwähnen.

Direkt daneben befindet sich, quasi als Teil eines Gesamtkomplexes, die Kirche Santa Maria Maggiore aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Besonders das romanische Portal mit seinen Blendarkaden und dem zentralen halbrunden Relief ist besonders sehenswert.

Dominiert wird das Städtchen, wie so oft in Apulien, von einer Burg aus der Zeit der Normannen und Staufer. Mitte des 9. Jahrhunderts vom damaligen Bischof von Benevent erbaut erfuhr das Kastell mehrfache Erweiterungen und Umbauten in der Folgezeit. Unter den Normannen etwa wurde der Torre dei Giganti errichtet, Friedrich II. nutzte die Burg als Wohnsitz für seine Geliebte Bianca Lancia und die Aragonesen verliehen der Anlage durch Anbau zweier mächtiger Rundtürme wieder ihren alten Festungscharakter. Von hier hat man einen tollen Blick über Monte Sant’Angelo, den Gargano gen Westen und bis ans Meer im Osten.

Den Abschluss des Tages bildete die unweit von Monte Sant’Angelo gelegene Abbazia di Pulsano. Bereits im Jahre 591 wurden hier auf den Ruinen eines antiken Tempels erste Gebäude errichtet. Egal welche Religion, die Orte zur Gott-/Götterverehrung gleichen sich allzuoft. Die Klosterkirche, die in Teilen auch eine Grottenkirche ist, entstand 1177 und beherbergt die Gebeine des Heiligen Giovanni da Matera (gest. 1139). Auch von hier hat man wieder einen traumhaften Blick über den Abbruch des Gargano auf die Adriaküste bei Manfredonia.

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