Massa Marittima

Der Palazzo del Podestà in Massa Marittima

Die in der Maremma gelegene Stadt Massa Marittima mit ihren knapp 9000 Einwohnern liegt auf einem Hügel der Colline Metallifere, dem Erzgebirge der Toskana. Hier haben bereits die Etrusker in großem Stil Eisenerz, Kupfer und Silber abgebaut. Zudem ermöglicht die Lage der Stadt einen Blick bis ans Meer bei Follonica. Seit im 9. Jahrhundert n.Chr. der Bischofssitz von Populonia nach Massa Marittima verlegt wurde, begann der Aufstieg der Stadt, die sogar über ein Jahrhundert selbstständig blieb, ehe sie 1335 von Siena erobert wurde. Nach der Eroberung durch Florenz 1555 sank die Zahl der Einwohner, vor allem Malaria bedingt, auf nur noch knapp 500. Erst im 19. Jahrhundert wurde die Stadt wiederbelebt und hat heute wieder knapp so viele Einwohner wie im Jahr 1300.

Wenn man Glück hat, findet man direkt vor diesem Gebäude auf dem öffentlichen Parkplatz einen freien Stellplatz und hat damit nur wenige Sekunden, bis man das Zentrum Massa Marittimas erreicht hat. Am Parkautomaten muss man jedoch zuerst das Autokennzeichen eingeben, ehe man bezahlen kann, was uns einige Augenblicke des Verstehens gekostet hat, bis wir dies begriffen hatten.

Am ehemaligen Brunnenhaus und Waschplatz von Massa Marittima findet sich ein Kunstschatz, den es so in Europa bislang kein zweites Mal gibt. Zum einen sind generell wenige Profandarstellungen des Mittelalters außerhalb von Buchillustrationen (Codex Manesse z.B.) oder einigen Burgen (Runkelstein bei Bozen oder das Castello di Manta im Piemont) erhalten geblieben, was daher jeden Fund besonders macht. Zum anderen gibt es bislang nur zwei weitere bekannte gemalte Darstellungen eines Phallusbaumes in Europa, nämlich auf Schloss Moos-Schulthaus (um 1475) bei Eppan in Südtirol und einen weiteren Fund auf Burg Lichtenberg im Vinschgau, der heute jedoch nur als Rekonstruktion im Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck zu sehen ist. Andere findet man auf mehreren Buchseiten im Rosenroman (um 1235 Frankreich) und geschnitzt auf einer Truhe in Villingen-Schwenningen (Franziskanermuseum). Hierzu ganz allgemein die Arbeit von Dr. Stefan Hammerl (Strange fruits) aus dem Jahr 2018.

Der Baum von Massa Marittima ist der älteste der drei und dürfte zwischen 1270 und 1320 entstanden sein. Er zeigt einen Baum, an dem wie Früchte 25 männliche Geschlechtsteile hängen und darunter Frauen, die diese einsammeln bzw. sich um diese streiten. Die Interpretation der Szene ist nicht ganz so einfach, da es sich hierbei um Volkskunst handelt, die bewusst die Hohe Minne der damaligen Zeit konterkarieren möchte. Zudem war der Umgang des Mittelalters mit Nacktheit und Sex deutlich aufgeschlossener als heute, selbst in der Kirche. Dies ändert sich erst mit der Renaissance (Lendeschürze die dem Jüngsten Gericht von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle nachträglich aufgemalt werden mussten etc.). Inwieweit wir hier aber eine weitere politische Ebene im Fresko haben (Gegensatz Guelfen/Ghibellinen), ob wir Anspielungen auf Hexen (ähnliche Szenen bzw. Geschichten werden immer wieder in Hexenprozessen genannt –> oder im Hexenhammer erzählt) sehen, oder „nur“ eine Spielart der verkehrten Welt sehen (Frauen ernten Phalli und keine Früchte) ist jedoch nach wie vor nicht abschließend geklärt.

Die Piazza Garibaldi ist das Zentrum der Città Vecchia von Massa Marittima, an der neben dem Palazzo Comunale und dem Palazzo del Podestà auch der Dom San Cerbone und der Bischofspalast liegen. In meinen Augen gehört dieser Platz zu den schönsten Stadtplätzen der Toskana. Die Bausubstanz der einzelnen Palazzi stammt dabei überwiegend aus dem Mittelalter, wobei der Palazzo del Podestà mit einer Bauzeit um 1225 zu den ältesten Gebäuden der Stadt gehört.

Der zur basilica minor erhobene Dom San Cerbone wurde im 13. und frühen 14. Jahrhundert errichtet. Allein das Gewölbe im Inneren ist deutlich jüngeren Datums (17. Jhd.) und zerstört etwas den Inneneindruck der Kirche.

Dass das Gewölbe nicht zu den Mauern der Kirche passt, kann man ganz gut daran erkennen, dass die Fenster fast abgeschnitten werden, was bei der urpsrünglichen Decke zweifellos nicht der Fall gewesen wäre. Ein erstes Highlight der Kirche ist das Taufbecken aus dem Jahre 1267 mit seinen tollen Reliefs von Giroldo da Arogno. Das Tabernakel im Taufbecken ist ein Werk der Renaissance und stammt aus dem Jahr 1447.

Im linken Querschiff befindet sich die Capella della Madonna mit einer Madonnendarstellung aus dem Umfeld Duccio di Buoninsegnas um 1316. Duccio war ein Zeitgenosse Giottos und Vertreter der Sieneser Malschule, die er um byzantinische Einflüsse bereicherte. Seine Werke blieben für fast zweihundert Jahre stilprägend und beeinflussten u.a. die Gebrüder Pietro und Ambrogio Lorenzetti sowie Simone Martini.

Hinter dem Hauptaltar befindet sich der normalerweise in der Krypta stehende Sarkophag des Heiligen Cerbonius, der 1324 geschaffen wurde. Komplett mit Reliefs verziert, erzählt der die Geschichte des Heiligen. Dieser aus Afrika stammende Mann wurde dort von den Vandalen vertrieben, floh in die Toskana und wurde nach 540 Bischof von Populonia. Teil seiner Legende ist auch die Geschichte, dass er vom Ostgotenkönig Totila den Bären zum Fraß vorgeworfen wurde. Nachdem diese in aber nicht fraßen, sondern die Füße leckten, wurde er wieder freigelassen.

Einer etwas steileren Gasse folgend erreicht man von der Città Vecchia die Neustadt von Massa Marittima, die ab 1335 von den Sienesern errichtet wurde. Der Mauerteil, der nicht von den Habsburgern abgerissen wurde, ist begehbar und bietet sicherlich einen beendruckenden Rundumblick. In Coronazeiten war die Mauer jedoch für Besucher geschlossen.

In der Oberstadt einen Besuch wert ist die Kirche Sant Agostino, die zwischen 1299 und 1350 erbaut wurde. Das äußerst schlichte Äußere wird um einen nicht weniger schlichten und leider etwas heruntergekommen Kreuzgang erweitert. Zumindest aber ein schöner Granatapfelbaum hat dort überlebt und die Rückseite des ehemaligen Klosters mit dem Campanile von 1527 ist ein sehr schönes Motiv. Die wenigen in der Kirche noch erhaltenen Fresken stammen überwiegend aus der Renaissance und wurden u.a. von Lorenzo Lippi geschaffen.

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