Siena

Palazzo Pubblico und Dom von Siena

Neben Florenz war Siena die bedeutendste Stadt der Toskana und kunsthistorisch ist sie heute einer der wichtigsten und beeindruckendsten Orte der Gotik weltweit. Die historische Altstadt wurde 1995 zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben und beherbergt mit der 1240 geschaffenen Universität von Siena einer der ältesten Bildungseinrichtungen dieser Art in Italien. Für einen Besuch der Stadt sollte man sich im Idealfall mehr als einen Tag Zeit nehmen, da ansonsten die unzähligen beeindruckenden Kirchen, Palazzi oder Museen gar nicht alle besichtigt werden können, da alleine der Domkomplex bereits einige Stunden frisst.

Stammhaus der Monte dei Paschi di Siena

Zu Beginn unseres Tages in Siena erreichten wir zunächst den Palazzo Salimbeni. Bereits im 12. und 13. Jahrhundert von der Sieneser Familie der Salimbeni errichtet, wurden diese nach mehreren erfolglosen Versuchen die Macht in der Stadt an sich zu reißen, entmachtet und vertrieben. Der Palazzo ging dann 1419 in den Besitz der Stadt über. Somit konnte sich 1472 in einigen der Räumen des Palazzo die älteste noch heute existierende Bank der Welt gründen: die Monte dei Paschi di Siena. Seit 1866 gehört das gesamte Gebäude der Bank, die auch die beiden angrenzenden Palazzi (Palazzo Spannocchi rechts und Palazzo Tantucci links) besitzt. In den Kunstsammlungen des Palazzo Salimbeni sind unter anderem Werke von Benedetto da Maiano, Raffaello Vanni oder Pietro Lorenzetti zu sehen.

Das Cafe Nannini

Einige der bekanntesten Spezialitäten der Stadt, den Panforte oder die Ricciarelli, erhält man u.a. im Cafe Nannini. Der Name Nannini ist uns Deutschen am ehesten durch die italienische Sängerin Gianna Nannini bekannt, die ein Spross dieser traditionsreichen Sieneser Konditorenfamilie ist. Lieder wie „Profumo“, „Bello e impossibile“ oder der Soundtrack der Fußball-WM 1990 erreichten in Deutschland hohe Chartplatzierungen.

Der Panforte ist ein Süßgebäck aus Mandeln, Mehl, kandierten Früchten wie Zitronat und Orangeat, Zucker, Honig und Gewürzen wie Zimt, Muskat, Koriander und Nelken. Schon im Mittelalter gab es erste Vorläufer des heutigen Panforte, aber erst der Handel mit dem arabischen Raum, der ab Beginn der Kreuzzüge zunahm, brachte die Gewürze nach Siena, die dem Panforte noch heute seinen ganz eigenen Geschmack verleihen. Neben dem klassischen Panforte (auch Bianco oder Margherita genannt) gibt es auch Variationen mit Marzipan oder Schokolade.

Die Ricciarelli wiederum sind hauchzarte Marzipanplätzchen, die unbedingt frisch gegessen werden müssen, da sie schnell austrocknen und damit hart werden. Für Süßwarenliebhaber darf man die Stadt Siena nicht verlassen haben, ohne zumindest eines dieser Plätzchen probiert zu haben.

Nachdem für das leibliche Wohl gesorgt war, bzw. die Absichtserklärung eines späteren Kaufes unterzeichnet war, ging es weiter in Richtung Palazzo Pubblico. Dabei passiert man die Loggia della Mercanzia, die zwischen 1417 und 1444 mit dem Palazzo della Mercanzia errichtet wurde. Die Halle der Händler (so der deutsche Name) hat dabei eindeutig die Loggia dei Lanzi in Florenz als Vorbild und die Statuen an den Pfeilern stellen neben Petrus und Paulus auch die drei Stadtpatrone Victor, Savino und Ansanus dar.

Der Palazzo Pubblico an der Piazza del Campo ist sicherlich neben dem Dom das bekannteste Motiv der Stadt. Das auch Palazzo Comunale (Rathaus) genannte Gebäude wurde vor allem in der Zeit zwischen 1299 und 1350 errichtet. Seit 1680 und nocheinmal Anfang des 18. Jahrhunderts wurde der Bau erweitert und aufgestockt. Der das Stadtbild prägende Torre della Mangia stammt aus den Jahren 1325 bis 1344 und die Spitze des Turmes wurde vom Sieneser Künstler Lippo Memmi gestaltet. Corona bedingt waren 2020 das Innere des Palazzos nur eingeschränkt sowie der Turm gar nicht zu besichtigen, weswegen wir es bei einem Blick von Außen belassen haben.

Die Piazza del Campo, malerisch von den Backsteinfassaden der Häuser umrahmt ist der Ort, an dem jährlich der berühmte Palio di Siena, das wohl härteste Pferderennen der Welt stattfindet. Hier kämpfen die 17 Contraden (Stadtteile Sienas) immer am 2. Juli und 16. August eines Jahres um das sog. Palio (von lat. Palium/Tuch), das der Sieger als Preis erhält. Die Ursprünge des Palio reichen weit bis ins Mittelalter zurück, denn bereits um 1200 finden sich Belege für einen „Palio di San Bonifazio“ in Siena.

Deutlich weniger spektakulär wie andere bedeutende Brunnen Italiens steht mitten auf der Piazza del Campo die Fonte Gaia des italienischen Frührenaissancebildhauers Jacobo della Quercia (1374/76-1437), der wegen seiner schon klar erkennbaren antiken Einflüsse als Wegbereiter der italienischen Renaissance gilt. Seine Hochreliefs an der Fonte Gaia entstanden zwischen 1409-1419 und befinden sich im Original heute im Museum von Santa Maria della Scala.

Von der Piazza del Campo führt der Weg Richtung Dom an einigen pachtvollen Palazzi vorbei. Einer, dessen Innenhof man gesehen haben sollte, ist der Palazzo Chigi. Der im gotischen Stil errichtete Palazzo stammt in seinen ältesten Beuteilen aus dem 12. Jahrhundert, während das Innere der Räume, sowie Innenhof und Loggia im Stil der Renaissance durch die neuen Besitzer (Familie Piccolimini-Mandoli) ab dem Jahr 1506 umgestaltet wurden. Gerade die Deckenbemalung der Loggia ist ein grandioses Beispiel der italienischen Renaissance.

Der Dom von Siena

In meinen Augen eine der kunsthistorisch spektakulärsten Kirchen der Christenheit ist der Dom von Siena, der in einer solchen Masse und Qualität Kunstschätze von europäischem Rang beherbergt, wie kaum eine andere Kirche der Welt. Allein die Fassade mit ihren unzähligen Figuren ist bereits ein Kunstwerk für sich, auch wenn Überformungen des Barock und während der Neugotik des 19. Jahrhunderts viel vom Original zerstört haben. Zusammen mit der Dom von Orvieto hat sich hier eine ganz eigene Form der Gotik entwickelt, inspiriert von der Kathedralgotik Frankreichs, die es so in Italien kein drittes Mal mehr gibt.

Dabei zeigen die heute noch erhaltenen Reste des Duomo Nuovo, dass die bereits respektable Größe des existierenden Kirchenbaus bei weitem nicht das Ende der Sieneser Baupläne darstellte. Zwischen 1260 und 1297 entstanden das Langhaus, das mehrschiffige Querhaus sowie der Campanile. Inwieweit die Außenfassade von Giovannio Pisano bis 1317 fertiggestellt war, ist bis heute nicht belegbar. Allerdings begannen zu dieser Zeit die Pläne einer umfangreichen Erweiterung, die in Konkurrenz zum Dom von Florenz treten sollte. Durch die Pest 1348 und die damit einhergehende Wirtschaftskrise konnten die bereits begonnen Arbeiten jedoch nie vollendet werden, weswegen die heute noch erhaltenen, sogar teilweise bereits mit Marmor verkleideten Abschnitte nur erahnen lassen, wieviel größer der Dom eigentlich hätte werden sollen.

Betritt man das Innere des Doms (hier empfiehlt sich vorab der Erwerb des Kombitickets mit Besuch Unterkirche, Baptisterium und Dommuseum) wird man von der Masse der Besucher (auch in Coronazeiten noch eine Menge) und der unfassbaren Fülle an Eindrücken fast erschlagen. Alleine der prächtige Fußboden der Kirche wäre überall anders DAS Higlight, das die Besucher in Scharen anlocken würde. Hier ist es nur eines von vielen… Nur zwischen Ende August und Ende Oktober sind weite Teile dieses über 60 Einzelmotive zeigenden und in sechs Jahrhunderten Arbeit (14.-19. Jhd.) entstandenen Meisterwerkes zu sehen. Ansonsten bleibt der Boden zu seinem Schutz weitestgehend verdeckt.

Zwischen 1266 und 1268 erschuf Niccolò Pisano mit Hilfe seines Sohnes Giovanni und Arnolfo di Cambios eines der bedeutendsten bildhauerischen Werke des europäischen Mittelalters und steht damit zudem am Beginn der Gotik in Italien. Im Gegensatz zu seinem Werk im Baptisterium des Doms von Pisa, treten hier noch deutlicher die Einflüsse der Gotik zu Tage, etwa in dem die dargestellten Körper nicht mehr ganz so steif sind. Auf acht Säulen ruhend, von denen wiederum vier auf Löwensockeln stehen, steht der eigentliche Kanzelkorb, der von sieben Reliefs geziert wird, die Szenen aus dem Leben Jesu zeigen.

Durch die stark begrenzte Zahl der gleichzeitigen Besucher war es leider nicht möglich, sich diesem herausragenden Freskenschatz der Renaissance in Ruhe zu widmen, da man kaum mehr als zwei Minuten hatte, ehe die nächste Gruppe durchgeschleußt wurde. Die vom Sieneser Erzbischof und Kardinal Francesco Todeschini Piccolomini (dem späteren Papst Pius III.) erbaute Bibliothek (für die Bücher seines Onkels Papst Pius II.) wurde zwischen 1502 und 1507 von Pinturicchio und seinen Gehilfen, darunter der junge Raffael komplett freskiert. Jedes einzelne Bild ist von einer unfassbaren Detailverliebtheit geprägt. Auf dem Bild Enea Silvio Piccolomini, Bischof von Siena, stellt Eleonora von Portugal Kaiser Friedrich III. vor ist der Dom von Siena originalgetreu im Hintergrund zu sehen.

Damit wird ein klarer Wesenszug der Renaissance sichtbar, die u.a. für die Individualisierung des Menschen nicht nur die gemalten Figuren so darstellte, wie die lebenden Vorbilder auch tatsächlich aussahen, sondern, im Gegensatz zur Gotik, auch die Gebäude im Hintergrund nicht mehr als fiktive Idealbilder zeichnete, sondern reale Vorbilder darstellte.

Die zahlreichen teils aufwendig kalligrafierten Bücher mit prächtigen Bemalungen gehen bei all dieser Pracht fast etwas unter, obwohl sie für sich allein bereits ein wahrer Schatz sind.

Ich könnte jetzt an dieser Stelle noch zahlreiche weitere herausragende Kunstobjekte vorstellen, etwa die Reste des reich mit Intarsien versehenen Chorgestühls aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die Kapelle der Madonna di Voto mit Figuren von Gian Lorenzo Bernini (der z.B. auch den Vierströmebrunnen an der Piazza Navona in Rom geschaffen hat) oder die Kapelle Johannes des Täufers mit einem Spätwerk von Donatello. Aber igendwo ist die Aufnahmefähigkeit eines Menschen begrenzt und es standen noch die Unterkirche, das Baptisterium sowie das Dommuseum auf dem Programm.

Erst bei Restaurierungsarbeiten 1999 wurde dieser unter dem heutigen Dom gelegene Bereich wiederentdeckt. Auf 180 m² hat man Fresken des 13. Jahrhunderts gefunden, die vor allem Szenen der Passion Christi zeigen. Sehr schön kann man den Übergang zwischen Gotik und Renaissance anhand der Gegenüberstellung dieser Malereien mit denen der Piccolomini-Bibliothek nachvollziehen.

Durch den ab 1316 erfolgten Ausbau des Domchors musste dieser mit einer aufwendigen Unterkonstruktion gestützt werden, die in der Folge zur Unterkirche wurde und als Baptisterium genutzt wurde. Neben den Deckenfresken, die Sieneser Maler in den Jahren 1450 bis 1460 malten, ist vor allem das Taufbecken beachtenswert. Dieses zählt zu den Hauptwerken der italienischen Renaissance-Skulptur. Die sechs aufwendig gestalteten Reliefs des Taufbeckens wurden von einigen der namhaftesten Künstler ihrer Zeit geschaffen, darunter Donatello, Jacopo della Quercia oder Lorenzo Ghiberti. Gerade die Tafel Donatellos von 1427 ist kunsthistorisch ein Meilenstein, gelingt es ihm doch mit wenig tatsächlicher Tiefe durch geschickte, fast zeichnerische Modellierung der Szene ein Maximum an Perspektive zu erzeugen.

Durch die Corona-Einschränkungen entwickelte sich der Besuch des Museo dell’Opera del Duomo zu einer Geduldsprobe, da nur eine bestimmte Anzahl an Menschen insg. ins Gebäude durfte und dann innerhalb auch nur eine bestimmte Zahl sich gleichzeitig auf einem Stockwerk aufhalten durfte. Aber allein für das Meisterwerk Duccio di Buoninsegnas im Ersten Stock lohnten sich die über eine Stunde Wartezeit.

Die Maestà des Hochaltars des Sieneser Doms steht am Beginn der großartigen Sieneser Kulturepoche und wurde zwischen 1308 und 1311 geschaffen. Duccio gilt als einer der bedeutendsten italienischen Maler seiner Zeit, der allerdings im Gegensatz zu seinem florentiner Zeitgenossen Giotto di Bondone (Erschaffer des Glockenturms des florentiner Doms und Maler etwa der Scroveni-Kapelle in Padua oder Oberkirche von San Francesco in Assisi) noch stärker dem byzantinisch-formelhaften verhaftet war und weniger eigene, freie Kreationen schuf.

Die Vorderseite seines Werke zeigt die thronende Madonna (die Stadtheilige Siena), umgeben von einem himmlischen Hofstaat, bestehend aus Engeln und Heiligen. Da diese Seite ins Kircheninnere blickte ist die Darstellung groß und daher auf Fernbetrachtung ausgelegt. Die Rückseite, die nur für die Domgeistlichen sichtbar war, zeigt zahlreiche kleine Tafeln, die Szenen der Passionsgeschichte Jesu zum Inhalt haben. Leider wurde das Werk 1771 zerlegt und in Einzelteile aufgeteilt, acht Tafeln liegen in anderen Museen weltweit, ein Feld der Predella ist verschollen, der Rest kann im Dommuseum besichtigt werden.

Santuario di Santa Caterina

In Relation zum Dom fast schon bescheiden und unauffällig liegt das Santuario di Santa Caterina auf der anderen Seite der Altstadt. Dieser Ort ist jetzt weniger wegen seiner Kunstschätze als wegen der Bedeutung seiner ehemaligen Bewohnerin für die Geschichte der christlichen Religion von Bedeutung. Hier wurde die Heilige Katharina von Siena geboren, eine der einflussreichsten Mystikerinnen des europäischen Mittelalters. Katharina wurde 1347 geboren, war maßgeblich dafür verantwortlich, dass das Papsttum 1376 aus Avignon wieder nach Rom übersiedelte und verhinderte eine erneute Kirchenspaltung 1378. Sie wurde 1461 heiliggesprochen, 1939 zur Schutzpatronin Italiens erklärt, 1970 zur Kirchenlehrerin erhoben und 1999 als eine von nur sechs Heiligen zur Schutzpatronin Europas erklärt.

Zum Schluss führte uns der Weg noch nach San Domenico, von wo aus man einen grandiosen Blick auf den Dom und Richtung Palazzo Publicco hat. San Domenico selbst ist auch sehenswert, leider war dort aber das Fotografieren strikt verboten. In der 1927 zur basilica minor erhobenen Kirche, die ab 1226 erbaut wurde, befinden sich heute Haupt und ein Finger der Heiligen Katharina, die ihr Beichtvater Raimund von Capua 1383 hierher bringen ließ. Daher haben auch hier einge sehr bedeutende Künstler gearbeitet. Zu nennen wären Pietro Lorenzetti (Gemälde Madonna col Bambino und San Giovanni Battista e un cavaliere), das Ziborium des Hauptaltares von Benedetto da Maiano, zwei Fresken von Sodoma in der Capella di Santa Caterina oder die Apsisfresken von Arcangelo Salimbeni.

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