San Gimignano

San Gimignano mit seinen charakteristischen Geschlechtertürmen

Wenn man über den Raccordo Florenz-Siena fährt, kann man die Geschlechtertürme von San Gimignano schon von weitem sehen. Dieser einzigartigen Stadtsilhouette hat San Gimignano seine heutige touristische Bekanntheit zu verdanken, auch wenn die Stadt weit mehr als „nur“ das zu bieten hat.

Direkt an der Via Francigena gelegen, ist der Aufstieg der Stadt untrennbar mit dieser Pilgerroute verbunden. Obwohl San Gimignano während des Mittelalters nie offiziell das Stadtrecht erhielt und eigentlich zur Diözese Volterra gehörte, ertrotzte sich die Kommune stadtähnliche Rechte und konnte sich zudem gegen seine Nachbarn Poggibonsi oder Castelfiorentino behaupten. Die Blütezeit, die untrennbar mit dem Safrananbau verbunden war, dauerte knapp 160 Jahre und als durch die Pest und die zunehmend mächtiger werdenden Nachbarn in Florenz und Siena die Eigenständigkeit nicht mehr aufrecht erhalten werden konnte, blieb die Zeit in der Stadt quasi stehen. Daher präsentiert sich uns heute eine mittelalterliche Stadt von einer Reinheit, wie man sie andernorts dank Überformungen durch Renaissance und Barock kaum vergleichbar wiederfinden kann.

Die Kirche des Heiligen Augustinus war unser erster Stopp, nachdem wir das Auto außerhalb der Altstadt geparkt hatten. Die zwischen 1280 und 1298 errichtete gotische Kirche hat ein sehr schlichtes Äußeres, aber einge sehr bedeutende Fresken der Renaissance in ihrem Inneren.

An dieser Stelle ist u.a. im linken Kirchenschiff das Fresko eines Schutzmantel-Sebastians von Benozzo Gozzoli zu nennen. Gozzoli gilt als einer der produktivsten Freskenmaler seiner Zeit (1421-1497) und seine berühmtesten Arbeiten findet man in der Medici-Ricardi Kapelle in Florenz sowie auf dem Campo Santo in Pisa. Auf dem Fresko in San Gimignano schießt Gottvater Pfeile auf die Menschen, die durch den Mantel des Heiligen Sebastian geschützt werden. Jesus und Maria darüber entblösen ihre Wunden/Brüste um Gottvater zur Milde der Menschheit gegenüber zu bewegen.

Die vollfreskierte Apsis war leider coronabedingt nicht zugänglich, ist aber mit fantastischen Fresken voll ausgemalt. Auf der linken Seite sind Szenen der Augustinusgeschichte von Benozzo Gozzoli zu sehen, während rechts Fresken von Bartolo di Fredi (1374-75) mit Szenen u.a. der Mariengeschichte zu sehen sind. Dieser Freskenschmuck ist ein absolutes Highlight und gehört in meinen Augen zu den schönsten Ausmalungen der Toskana (zugegebenermaßen bin ich aber auch ein großer Gozzoli Fan).

San Gimignano ist jedoch nicht nur wegen seiner atemberaubenden Kunstschätze und des tollen mittelalterlichen Stadtbildes eine Reise wert, sondern auch Heimat des einzigen klassischen Weißweines der Toskana. Der Vernaccia di San Gimignano besitzt seit 1966 als erster italienischer Wein eine geschützte Herkunftsbezeichnung und darf zu maximal 15% andere weiße Rebsorten wie Sauvignon blanc und/oder Rießling enthalten. Entlang des Weges zur Piazza delle Erbe findet man daher zahlreiche Enotecen, bei denen man die ein oder andere Flasche (am besten auf dem Rückweg zum Auto) erwerben kann. Über die Weine der Toskana ganz allgemein möchte ich in einem separaten Beitrag einige Empfehlungen aussprechen.

Vom Eintritt für die Kollegiatskirche Santa Maria Assunta sollte sich bitte niemand abschrecken lassen, denn diese bietet einen der zweifellos beeindruckendstend freskierten Kircheninnenräume Italiens, vielleicht sogar Europas. Da San Gimignano nie Bischofssitz war, ist es nicht korrekt vom Dom der Stadt zu sprechen, auch wenn sich diese Bezeichnung immer wieder findet, da selbst der Platz vor der Kiche Piazza Duomo genannt wird.

1148 wurde die Kirche geweiht, 1239 umgebaut und unter Giuliano da Maiano 1460 vergrößert. Im Jahr 1932 erhob Sie Papst Pius XI. zur basilica minor. Die Pracht der Kirche rührt von ihrem komplett freskierten Inneren her, das größtenteils ein Werk Bartolo di Fredis ist. Allerdings finden sich auch einzelne Werke Benozzo Gozzolis, Domenico Ghirlandaios und anderer Künstler.

Auf den Wänden der beiden Seitenschiffe befinden sich Freskenzyklen zur Geschichte den Alten Testaments (etwa Szenen der Mose-Geschichte oder der Geschichte Hiobs) sowie Szenen aus dem Neuen Testament, die v.a. das Leben Jesu zum Thema haben. Von Domenico Ghirlandaio stammt das Fresko der Beerdigung der Heiligen Fina. Ghirlandaio war ein Florentiner Maler, zu dessen berühmtesten Schülern Michelangelo zählt, der für einige Zeit in der Werkstatt Ghirlandaios mithalf. Die Heilige Fina, die hier dargestellt wurde, ist die Stadtpatronin von San Gimignano und die ihr gewidmete Kapelle in der Kirche gilt als Kunstschatz von weltweiter Bedeutung.

Die Höllenszene des Jüngsten Gerichts

Das von Taddeo di Bartolo 1393 geschaffene Fresko des Jüngsten Gerichtes ist das, was mich persönlich in der Kirche am meisten beeindruckt hat. Die Darstellung der Hölle, in der all die gequält und gefoltert werden, die eine der sieben Todsünden begangen haben, lässt der Phantasie kaum Spielraum, was sich der Künstler und die Menschen seiner Zeit unter den Höllenqualen vorgestellt haben.

Von der Kollegiatskirche geht es weiter zur Piazza della Cisterna, dem vielleicht schönsten mittelalterlichen Stadtplatz der Toskana.

Wahrscheinlich durch Corona bedingt waren sowenige Menschen wie selten in San Gimignano unterwegs, so dass die Piazza della Cisterna so authentisch wirkte wie selten. Durch die fehlenden Besuchermassen kam die den Platz ungebende mittelalterliche Bausubstanz wunderbar zur Geltung und verlieh dem Ort fast etwas magisches. Da auch das Betreten der Geschlechtertürme dieses Jahr nicht möglich war (Abstand wäre bei den schmalen Treppenaufgängen unmöglich gewesen), endete hier unsere Tour durch die Stadt und wir haben nur noch einen Blick vom Rande der Stadt in die Umgebung geworfen.

Blick auf das Umland von San Gimignano

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