Im Gebiet des Chianti Classico

Die Badia a Passignano mit typischem Panorama der Chiantiregion

Die Hügellandschaft der Chiantiregion ist voll von kleinen mittelalterlichen Dörfern, die meist auf der Kuppe eines Hügels gelegen die Landschaft überblicken. Dazwischen liegen die unzähligen Weinberge des Chianti Classico und seiner seit 1932 erweiterten Anbaugebiete, wie Chianti Rufina oder Colli Senesi. Als Chianti Classico darf sich allerdings nur bezeichnen, wer im historischen Kern der Region um die Ortschaften Greve, Gaiole und Rada in Chianti liegt. Nur diese Weine und Weingüter dürfen den schwarzen Hahn, das Wahrzeichen des Chianti Classico, verwenden. Überwiegend aus der Sangiovese-Traube gekeltert, ist der Chianti heute, im Gegensatz zu Barolo und Vino Nobile, auch für Normalsterbliche wie mich finanzierbar, da sehr gute Vertreter bereits für 12-25 Euro und nicht erst ab 30-40 Euro die Flasche angeboten werden.

Einen guten ersten Überblick über Angebot und Preise erhält man in der Enoteca Bottega del Chianti Classico in Greve in Chianti an der Piazza Matteotti.

Neben der Enoteca lohnt eine Fahrt nach Greve auch für den sehr schönen Dorfplatz, die Piazza Giacomo Matteotti mit dem Denkmal für Giovanni da Verrazzano, einen italienischen Seefahrer, der ab 1524 weite Teile der nordamerikanischen Küste um die New York Bay herum erkundete. Seinen Geburtsort, das Castello di Verrazzano, kann man noch heute ganz in der Nähe von Greve in Chianti besuchen. Die dortigen Weinberge sind bereits seit 1170 belegt und der Chianti Classico des dortigen Weingutes gilt als einer der besten der Region.

Wer sich weniger für flüssige Freude und mehr für handfeste Dinge interessiert, dem sei dringend ein Besuch der Metzgerei Falorni an der Piazza Matteotti in Greve empfohlen, wo es in meinen Augen die beste Wildschweinsalami der Toskana gibt. Auch die anderen Salami und Schinken und die im Keller reifenden Peccorino-Käse sind ein Fest für den Gaumen.

Die Hügel der Chiantiregion bieten so viele interessante Orte, dass ich an dieser Stelle nicht alles zeigen kann, da ich nur einen Tag unterwegs war. Ich möchte aber eine Auswahl dessen zeigen, was es an unterschiedlichen Destinationen (Dörfer, Kirchen oder Abteien) gibt. Da die Entfernungen relativ klein sind, kann man sehr viele Einzelobjekte bequem an einem Tag besuchen.

Die Pfarrkirche San Leolino bei Panzano in Chianti wurde bereits im 10. Jahrhundert erwähnt und der heutige, dreischiffige romanische Bau entstand im 12. Jahrhundert. Vor allem das Tryptichon aus dem 15. Jahrhundert, Madonna mit Kind zwischen zwei Engeln, ein weiteres aus dem 14. Jahrhundert, mehrere Terrakotta-Arbeiten von Giovanni della Rovere sowie der Blick den man von hier über die Landschaft genießen kann, machen einen kurzen Zwischenstopp sehr lohnend.

In der Nähe von Rada in Chianti liegt das malerische Bergdorf Castello di Volpaia, das für mich einer der schönsten Orte der Region ist. Zugegebenermaßen war ich im Corona-Sommer 2020 dort, kann also nicht sagen, ob sonst deutlich mehr Touristen, und damit mehr Lärm und Unruhe meinen Eindruck verändern würden. Seit 1172 urkundlich bezeugt, lag das Castello di Volpaia genau an der Grenze zwischen Florenz und Siena und hatte damit eine enorme strategische Bedeutung. Viele der mittelalterlichen Baustrukturen sind bis heute erhalten geblieben und in die Wohnhäuser der Dorfes integriert worden.

22 km von Volpaia entfernt, etwas oberhalb von Gaiole in Chianti liegt die Badia a Coltibuono, ein 1051 gegründetes Benediktinerkloster, das zu den ältesten der Toskana gehört. Durch die Säkularisation unter Napoleon wurde das Kloster entweiht und leider in Teilen zerstört. Die Kirche etwa, muss man von Innen nicht besichtigt haben, dort ist außer den Außenmauern und dem Turm nichts mehr von der alten Baussubstanz erhalten geblieben. Heute ist die Badia vor allem für ihr renommiertes Weingut bekannt, dessen Chianti-Weine hervorragend sind.

Keine drei Kilometer von Gaiole in Chianti entfernt liegt das kleine Dörfchen Vertine mit seiner ebenfalls mittelalterlichen Struktur und Erscheinung. Bereits 1013 erstmals erwähnt, entwickelte sich das Castello di Vertine zur Hauptresidenz der Familie Ricasoli während des Aragoneser Kreiges 1452 – 1478. Die Ricasoli waren eine toskanische Adelsfamilie, deren noch heute existierendes Weingut, als das älteste Italiens gilt und Bettino Ricasoli verfasste 1872 die noch heute gültigen Regeln für die ideale Zusammensetzung an Rebsorten für einen Chianti. Die kleine Kirche des Ortes beherbergt einige schöne Fresken des 15. Jahrhunderts und die neuromanische Fassade aus den 1930er Jahren fällt gar nicht mal so unangenehm aus dem Rahmen der restlichen, mittelalterlichen Bausubstanz.

Einen kurzen Abstecher haben wir auch zur Pieve di Santa Maria a Spaltenna unternommen. Die romanische Kirche wurde im 11. Jhd. errichtet, hatte bei unserem Besuch aber leider geschlossen.

Zum Mittagessen ging es nach Montefioralle, einem kleinen Ort knapp zwei Kilometer von Greve in Chianti entfernt. Auch hier findet sich die erste Erwähnung der Burg im 11. Jahrhundert und die Familie des berühmten Seefahrers Amerigo Vespucci hat ihre Wurzeln hier in diesem Ort. Das heutige, wunderschöne Ortsbild entstand im 14. Jahrhundert. Im Restaurant Il Guerrino hat man von der Terasse einen wunderschönen Blick auf die umliegenden Hügel und erhält hervorragende toskanische Küche.

Auch die Badia a Passignano wurde von Benediktinermönchen aus Vallombrosa im 11. Jahrhundert gegründet. Die heutige von Zinnen bekrönte Anlage ist eine Symbiose aus Mittelalter und Renaissance, sowie eines der bekanntesten Weingüter Italiens. 1987 wurde die Badia von der Familie Antinori übernommen und Weine wie der Tignanello und der Solaia liegen in Bereichen von 80-100 Euro die Flasche.

Die Festung Monteriggioni wurde von den Sienesern zwischen 1213 und 1215 als Verteidigungsstützpunkt gegen Florenz errichtet. Heute gilt der Ort vielen als einer der eindrucksvollsten Orte der Toskana und fehlt auf keiner Liste der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Zugegeben, der Blick von unten auf die Stadt, mit ihrer 570m langen Stadtmauer und den 14 Türmen ist spektakulär! Aber nur, wenn man an der Straße einen sicheren und freien Parkplatz zum fotografieren und bestaunen findet. Erreicht man den Ort aber, und merkt, dass die Parkflächen für Touristen mehr Platz einnehmen, als der eigentliche Ort, schwindet bei mir die Begeisterung wieder. Betritt man Monteriggioni, findet man leider ein Paradebeispiel, wie Massentourismus und die Jagd nach dem perfekten Bild/Selfie, einen eigentlich wunderschönen Ort „zerstören“ können.

Meine Erinnerung kann mich zweifellos täuschen, aber als ich vor zwanzig Jahren das letzte Mal vor Ort war, gab es in Monteriggioni auch noch nicht-touristisches Leben, heute wirkt das Innere leider wie ein steriles Freiluftmuseum mit Bars, Restaurants und Souvenirläden, aber ohne echtes Leben. Ich glaube, ich werde kein weiteres Mal nach Monteriggioni kommen.

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