Passeiertal

Blick ins Passeier vom Jaufenpass aus

Das Passeiertal verläuft von Meran kommend entlang einer alten Handelsstraße bis St. Leonhard in Passeier. Von dort teilen sich die Wege, einmal über den Jaufenpass nach Sterzing am Fuß des Brennerpasses, oder weiter durch das Hinterpasseier über das Timmelsjoch ins Ötztal. Noch heute lassen sich Spuren der einstigen Bedeutung dieses Handelsweges entlang der Tallandschaft finden, was das Passeier, neben seiner grandiosen Landschaft auch zu einer kulturell spannenden Region macht.

Beginnt man von Meran kommend mit einer Fahrt durch das Passeier, sollte man einen ersten Zwischenstopp in Schenna einlegen.

Wohl schon zur Zeit der Römer besiedelt, entwickelte sich Schenna im Mittelalter auf Grund seiner Nähe zum Stammsitz der Grafen von Tirol schnell zu einer florierenden kleinen Ortschaft. Im 14. Jahrhundert erteilte Markgraf Ludwig von Brandenburg (Sohn Kaiser Ludwigs des Bayern), der damals auch Graf von Tirol war, dem Petermann von Schenna die Erlaubnis das noch heute existierende Schloss von Schenna zu errichten. Dieses Schloss ist noch immer in Privatbesitz und die Führung durch das Gemäuer übernimmt der noch heute dort lebende Graf von Spiegelfeld persönlich. Neben Gemälden der Biedermeier-Zeit (u.a. von Eduard Gurk) beherbergt das Schloss auch die größte private Andreas-Hofer Sammlung Tirols.

Generell begegnet einem der Name Andreas Hofer im deutschsprachigen Südtirol fast überall, aber nirgends so oft, wie in seiner Heimatregion, dem Passeier. Als Anführer der Tiroler Aufstandsbewegung gegen die Truppen Napoleons und dem mit diesem verbündeten Königreich Bayern, ist Hofer heute so etwas wie DER Volksheld der deutschsprachigen Südtiroler. In seinem Geburtshaus, dem Sandhof bei St. Leonhard in Passeier, befindet sich zudem auch ein großes Museum zum Leben, aber auch zum Mythos Andreas Hofer und seiner Vereinnahmung durch den Faschismus.

Aber zurück zu Schenna, wo man vor allem auch der St. Georgs-Kirche einen Blick widmen sollte. Diese im 12. Jahrhundert errichtete Rundkirche ist mit Fresken des 14. Jahrhunderts geschmückt und der spätgotische Flügelaltar wird der Werkstatt des Hans Schnatterpeck zugeschrieben. Dieser gilt als einer der bedeutendsten Holzschnitzer seiner Zeit und sein großes Meisterwerk kann in der Pfarrkirche von Lana bestaunt werden.

Das Mausoleum Erzherzog Johanns von Habsburg wurde 1869 geweiht und ist im Stil der Neugotik gestaltet. Im Untergeschoss dieses Bauwerkes liegt Erzherzog Johann Baptist Josef Fabian Sebastian von Österreich, Bruder Kaiser Franz I. begraben. Damit war er gleichzeitig auch Bruder des letzten Kaisers des Heiligen Römischen Reiches, denn Franz I. war von 1792 bis 1806 auch Kaiser Franz II. vom Heiligen Römischen Reich gewesen.

Den nächsten Zwischenhalt legten wir damals auf der anderen Talseite in der Gemeinde Riffian ein. Dort steht die barocke Wallfahrtskirche zur schmerzhaften Muttergottes, deren heutige Form, aufbauend auf einem gotischen Vorgängerbau, 1669-71 geschaffen wurde. Das Innere ist fürchterlich barock, beherbergt aber auch das Gnadenbild der Muttergottes, das Bauern der Legende nach durch ein Leuchten erkennbar in der Passer gefunden hatten und das die Wallfahrt nach Riffian begründete.

Für mich kunst- und kulturhistorisch deutlich spannender aber ist die direkt anschließende Friedhofskapelle mit ihrem grandiosen gotischen Freskenschmuck.

Die Kapelle Unsere Liebe Frau am Friedhof wurde 1415 von einem Meister Wenzeslaus ausgemalt. Dessen genaue Herkunft ist bis heute umstritten, die Qualität seiner Arbeit macht ihn aber unzweifelhaft zu einem der bedeutendsten Freskenmaler seiner Zeit in Tirol, der eindeutig in der Tradition der Veroneser Malschule steht. Zugleich weißt der renommierte Kunsthistoriker Leo Andergassen auf die offensichtlich politische Botschaft der Fresken hin, die sich klar gegen den damaligen Tiroler Landesherren Friedrich IV. positionierten (dazu: Leo Andergassen: Aspekte des Kunsttransfers, in 1363-2013. 650 Jahre Tirol mit Österreich, Innsbruck 2015, S. 320f.).

Hauptkirche von St. Leonhard in Passeier

Nach dem man einige der schönsten Schildhöfe (dies waren bäuerliche Anwesen, deren Beseitzer für Kriegsdienste vom Tiroler Landesherren besondere Rechte und Freiheiten erhalten haben, u.a. diese teils Burg-ähnlichen Höfe zu errichten) des Passeiers passiert hat, allen voran den Schildhof von Saltaus, erreicht man St. Leonhard in Passeier. Die dortige Hauptkirche hat leider ihren wichtigsten Kunstschatz, den Flügelaltar von Hans Klocker verloren, weswegen der für mich spannendste Ort die Ruine der Jaufenburg war.

Auch die Jaufenburg ist ein noch heute sichtbarer Beleg für die ehemalige Bedeutung des Handelsweges über den Jaufen. Einst war der Jaufen auf beiden Seiten durch Burgen geschützt und neben der Jaufenburg befand sich auf der Sterzinger Seite noch Burg Reifeneck (Reyfnegk), deren Zustand heute jedoch noch ruinöser ist, als der der Jaufenburg. Letztere wurde im späten 13. Jahrhundert errichtet und taucht urkundlich erstmals 1320 als turn under Jauven auf. Leider ist die Burg meist nur von Außen zu besichtigen und die im vierten Stock des Bergfriedes erhaltenen Renaissancefresken eines Sohnes von Tilman Riemenschneider (einige der ganz wenigen Renaissancefresken Südtirols) bleiben dem Besucher somit versperrt.

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