Bozen

Der Waltherplatz mit der Kirche Mariä Himmelfahrt

Bozen hat es bislang nicht sonderlich gut mit mir gemeint. Fast immer, wenn ich die Stadt besucht habe, war schlechtes Wetter. Vielleicht bin ich aber auch selber Schuld, weil ich bei gutem Wetter lieber in die Berge oder zu weiter entfernten Zielen fahre…

Bozen teilt sich recht deutlich in zwei Bereiche, die wunderschöne Altstadt mit ihren Laubengassen, Kirchen und Ansitzen, sowie die moderne Stadt Bozen, die man am besten aus optischen Gesichtspunkten sofort wieder vergisst. Die heutige Landeshauptstadt der autonomen Provinz Südtirol/Alto Adige ist mit 107.000 Einwohnern eine der größten Städte des Alpenraums und deutlich italienischer geprägt, als das nördlich gelegene Meran.

Erst im Hochmittelalter als planmäßige Marktsiedlung dauerhaft errichtet, lag Bozen direkt an einigen der wichtigsten Verbindungswege der damaligen Handelsströme von und nach Italien. So konnte man von Bozen weiter über Meran, die Töll, den Vinschgau über den Rechenpass (der antiken Via Claudia) folgen, die wohl zu Beginn auch die wichtigste Route darstellte. Ein Hinweis dafür ist u.a. die Ausrichtung der wichtigsten Straßen der Bozener Altstadt, die meist von Süd nach Nord führen. Spätestens im 14. Jahrhundert erfuhr auch die Anbindung an den Rittenpass und vor allem seit Bau des Kuntersweges 1314 die Straße Bozen-Säben-Brixen-Sterzing-Brenner (Verlauf der heutigen Autobahn) einen immensen Bedeutungsanstieg.

Dadurch entwickelte sich Bozen zu DEM Wirtschaftszentrum der Tiroler Grafschaft, wovon heute noch die prachtvolle Innenstadt ein beredtes Zeugnis ist. Die politische Bedeutung der Stadt zeigt sich u.a. in den knapp 40 Burgenanlagen des Bozener Beckens, die die größte Burgendichte Europas bilden.

Direkt am Waltherplatz, der dem großen Dichter des Mittelalters Walther von der Vogelweide gewidmet ist, befindet sich die Hauptkirche Bozens, die seit 1964 als Dom geltende Kirche Mariä Himmelfahrt. Das Denkmal Walthers soll auf die angebliche Herkunft des Dichters aus dem heutigen Südtirol verweisen (tatsächlich ist sein Geburtsort bis heute unbekannt) und diente dem deutschen Nationalismus in Südtirol als Identifikations- und Symbolfigur. Nicht zufällig entstand zwei Jahre später in Trient das Dante-Denkmal, das dort die italienischen Wurzeln betonen sollte.

Die heutige Kirche wurde um 1300 im spätgotischen Stil an Stelle einer älteren romanischen Kirche begonnen und erst 1519 um den Turm (nach Plänen des Augsburger Dombaumeisters Burkhard Engelberg) erweitert. Aus dieser Zeit stammt auch die Kanzel mit ihren Darstellungen der vier Kirchenväter. Leider wurden die Kirche und einzelne Kunstobjekte (wie die Kanzel) bei Bombenangriffen der Alliierten 1943/44 beschädigt und mussten später wieder aufgebaut werden. Auch einige Fresken(reste) des 14. und 15. Jahrhunderts sind erhalten geblieben.

Von kunsthistorischer Bedeutung ist auch das auf der Außenmauer (Richtung Waltherplatz) zu findende Fresko des von der Glocke erschlagenen Pilgers Ulrich (um 1385), das vom sog. Meister von Seis gemalt wurde, der noch zur giottoesken Schule zu rechnen ist, ehe sich eine eigene Bozener Malschule entwickeln konnte.

Einer, vllt. sogar der kunsthistorisch beeindruckendste Ort Bozens, ist in meinen Augen die Dominikanerkirche mit ihrem noch heute erhaltenen grandiosen Freskenschmuck. Auch hier wurde um 1300 mit dem Bau der Kirche begonnen und ab 1324 die Johanneskapelle (oder nach der Familie die dort begraben wurde auch Botschkapelle) errichtet. Diese rege Bautätigkeit illustriert den wirtschaftlichen Aufschwung Bozens um 1300. Ein weiterer Hinweis darauf wäre auch ein erstmals 1283 in kommunalen Quellen nachweisbarer Goldschmied in der Stadt, der als Beleg für ein entstehendes Luxushandwerk zu sehen ist.

Vom angeschlossenen Kloster sind heute, auch durch Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg, nur noch Teile erhalten und auch die Kirche wurde stark in Mitleidenschaft gezogen. Die notwendig gewordenen umfassenden Restaurierungsarbeiten konnten erst 2008 abgeschlossen werden.

Das Langhaus der Kirche war ursprünglich mal komplett freskiert, leider haben den Zweiten Weltkrieg nur einige dieser Fresken überlebt, u.a. die Szene des Drachentöters (Heiliger Georg) und eine besondere, weil seltene Darstellung des Volto Santo von Lucca, wo der gekreuzigte Jesus dem Spielmann Genesius einen Schuh auf den Altar legt.

Der bedeutendste Teil der Kirche ist die bis heute fast im Originalzustand des frühen 14. Jahrhunderts erhaltene Johanneskapelle, deren Wandmalereien weit über Südtirol hinaus von Bedeutung sind. Am Boden sind drei Grabsteine erhalten, und zwar für Volkmar von Niederthor (gest. 1347), der der Schwager jenes Botsch war, der die Kapelle ausmalen ließ; für Leonhard von Völs-Colonna (gest. 1530), der Landeshauptmann von Tirol war, und für Karl von Völs-Colonna (gest. 1585). Der gute Erhaltungszustand der Malereien hängt sicherlich auch damit zusammen, dass sie erst 1915 unter einer Putzschicht gefunden wurden und damit gut geschützt auch ihre Farbintensität behalten konnten.

Die Malereien zeigen u.a. Szenen aus dem Leben Johannes des Täufers, aus dem Marienleben, sechs Szenen aus dem Leben des Heiligen Nikolaus und acht Szenen aus dem Leben von Johannes Evangelist. Schon als Kind am meisten beeindruckt hat mich aber der Triumph des Todes an der Westwand. Wahrscheinlich von vier oder fünf unterschiedlichen Malern aus dem Veneto geschaffen, wurden hier eindeutig Einflüsse Giottos (Giotto di Bondone) aus der Scrovegni-Kapelle in Padua verarbeitet.

Eine der knapp 40 Burganlagen des Bozener Beckens befindet sich unweit der Bozener Altstadt: das Schloss Maretsch. Die sog. Niederungsburg (weil sie nicht auf einer Erhöhung, sondern im Flachland errichtet wurde) entstand im 13. Jahrhundert und wurde im 14. Jahrhundert um eine Ringmauer erweitert. Ihre heutige Form erhielt das Schloss erst im 16. Jahrhundert; aus dieser Zeit stammen auch die Außenmauern mit ihren vier Rundtürmen. Im Inneren sind einige tolle Renaissancefresken zu sehen. Da das Schloss als Tagungszentrum genutzt wird, ist eine Besichtigung nur auf Anfrage oder zu ausgewählten, festen Zeiten möglich, weswegen ich leider noch keinen Blick in sein Inneres habe werfen können.

Ein weiterer sehenswerter Kirchenbau der Innenstadt ist die Franziskanerkirche mit dem Kreuzgang des gleichnamigen Klosters. In der Hauptapsis der Kirche befindet sich ein Holzschnitzaltar von Hans Klocker aus dem Jahr 1500 und links vom Haupteingang befindet sich der sogenannte „Doktorenfries“ aus der Zeit kurz nach 1500, auf dem ursprünglich 35, heute nur mehr 21 gelehrte Angehörige des Franziskanerordens zu sehen sind. Im Kreuzgang befinden sich im Südflügel Fresken der Schule Giottos aus den Jahren 1300-1320.

Weitere sehenswerte Gebäude im Stadtzentrum wären u.a. das Alte Rathaus (unter den Lauben 30), das v.a. Anfang des 16. Jahrhunderts errichtet wurde, desweiteren das Landesfürstliche Amtshaus (Bindergasse) aus der selben Zeit oder der spätbarocke Ansitz Kolleg am Dominikanerplatz.

Heute im Bozener Stadtteil Gries-Quirein gelegen, war die Kirche bis 1788 Pfarrkirche der ehemals eigenständigen Gemeinde Gries. Zwischen 1414 und 1529 entstand die heutige Form der Kirche, die vor allem wegen zwei Kunstwerken einen Besuch wert ist. Zum einen wäre das nach 1200 entstandene romanische Kruzifix zu erwähnen, für mich aber von noch größerem Interesse ist der zumindest fragmentarisch erhaltene Schnitzaltar von Michael Pacher, einem der größten Meister der österreichischen Spätgotik.

Pacher, dessen Werkstatt im Pustertal stand, gilt als einer der bedeutendsten Holzschnitzer Europas. Seine Werke stehen heute vor allem in Tirol, etwa in St. Lorenzen bei Bruneck (Pustertal), in St. Wolfgang im Salzkammergut, hier in Bozen oder in Kloster Neustift/Brixen (heute in der Alten Pinakothek München).

Den Mittelpunkt des Altars bildet die Krönung Mariens durch die Hl. Dreifaltigkeit (Gottvater, Jesus und Heiliger Geist). Die Plastizität der Figuren, die Illusion von Tiefe und Perspektive des Altars, die fein gearbeiteten Gesichter der Figuren, all das zeigt die handwerkliche Meisterschaft Pachers. Der Heilige Erasmus auf der rechten Seite ist an der Winde erkennbar, an der seine Eingeweide aufgewickelt wurden.

Einen kurzen Abstecher ist anschließend auch die Abtei Muri-Gries wert, allerdings nicht wegen ihres kunsthistorischen Wertes (die Stiftskirche ist leider völlig dem Barock anheimgefallen), sondern der gleichnamigen Kellerei wegen, die einige sehr gute Tropfen, wie ihren Lagrein, zu bieten hat.

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