Goslar

Die Kaiserpfalz von Goslar

Direkt an der Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gelegen, war ein Besuch Goslars ein fast schon logischer Abstecher bei einer Fahrt entlang der Straße der Romanik. Durch den Silberbergbau im nahegelegenen Rammelsberg begann der Aufstieg Goslars 979 und 1290 erreichte die Stadt den Status einer freien Reichsstadt, den sie bis 1802 beibehielt. Obwohl Goslar nicht Teil der Straße der Romanik ist, kann man eigentlich keinen Grund finden, diese Stadt nicht trotzdem im Rahmen einer solchen Rundfahrt, etwa von Wernigerode aus, zu besichtigen.

Die wichtigste Zeit Goslars begann 1009, als sich der Ort bzw. die Pfalz zum Herrschaftsmittelpunkt der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches entwickelte. Unter Heinrich III. (Vater des „Canossa-Heinrichs“) wurde Goslar endgültig Zentrum des Reiches und der Bau der monumentalen Kaiserpfalz begann. Zwischen 1040 und 1050 entstand hier mit 54 m das längste weltliche Gebäude der damaligen Zeit. Bis ins 12. Jahrhundert, in die Zeit der Staufer, lassen sich weitere Baumaßnahmen nachweisen, ehe ab dem 13. Jahrhundert Goslar fast völlig an Bedeutung verlor.

Der ehemals direkt vor der Pfalz stehende Dom wurde leider 1819 abgerissen und weite Teile der Pfalz waren als Lagerhäuser oder Gefängnis umfunktioniert worden. Erst unter den Hohenzollern ab der Reichsgründung 1871 erfuhr Goslar wieder mehr Aufmerksamkeit, war es doch der perfekte Anknüpfungspunkt der neuen Kaiser an die mittelalterliche Kaiserherrlichkeit. Die Pfalz wurde grundlegend restauriert, der Kaisersaal erhielt seine heutige Ausmalung und die beiden monumentalen Reiterstandbilder Barbarossas (Altes Reich) und Wilhelms I. (Neues Reich) wurden vor der Pfalz aufgestellt. Goslar wurde zum achitektonisch-künstlerischen Propagandaort der Hohenzollern.

Der Komplex der Kaiserpfalz kostet Eintritt, bietet aber im Erdgeschoss ein wirklich schön gemachtes Museum zur Entstehung und Geschichte der Pfalz und beherbergt z.B. den Kaiserstuhl aus dem 11. Jahrhundert, der früher im Dom stand. Im 1. Stock dann kann man die Haupthalle besichtigen, die von Hermann Wislicenus 1877 bis 1890 ausgemalt wurde. Die Bilder zeigen wichtige Kaiserfiguren und Ereignisse des Heiligen Römischen Reiches (von Karl dem Großen bis Luther) und kumulieren im zentralen Gemälde, das die Verherrlichung der Hohenzollern zum Thema hat, die damit an die alten Kaisertraditionen anknüpfen wollten.

Über einen Verbindungsgang erreicht man dann die Ulrichskapelle, benannt nach dem Heiligen Bischof Ulrich von Augsburg, der 955 an der Seite Ottos I. auf dem Lechfeld gekämpft hatte. Als Doppelkapelle konzipiert, befindet sich in der unteren Kapelle das Grabmal Heinrichs III. (Deckplatte ziert eine Plastik des 13. Jahrhunderts), dessen Herz dort seit 1884 aufbewahrt wird. Seit 1992 ist der gesamte Komplex der Kaiserpfalz (das bis heute besterhaltene Profangebäude seiner Zeit in Deutschland) UNESCO-Weltkulturerbe. Dieser Titel erstreckt sich auch auf das Bergwerk am Rammelsberg und die gesamte Goslaer Altstadt, die einen ausgedehnten Besuch wert ist!

Von der mittelalterlichen Stadtbesfestigung Goslars ist heute nicht mehr viel erhalten geblieben. Allein das Breite Tor, das ehemals wichtigste Stadttor Goslars aus dem Jahre 1443, erinnert noch an die mächtigen Mauern und Festungswerke der Stadt.

Die gesamte Altstadt ist geprägt durch Fachwerkhäuser. Dabei sind es nicht einige wenige schöne Gebäude entlang der Hauptstraßen und -plätze, sondern wirklich die gesamte Altstadt die hier oft wunderschöne Häuser zu bieten hat. Deswegen verpasst man in der Tat einiges, wenn man sich nicht ein bisschen Zeit abseits der direktesten Verbindungswege nimmt. Hier wären das St. Annenhaus (ältestes vollständig erhaltenes Fachwerkaus von 1488), das Haus der Familie Siemens aus dem 17. Jahrhundert, das Haus der Bäckergilde von 1501, die Kemenate Röver, das Heilig Kreuz Spital oder die Lohmühle (frühes 16. Jahrhundert) als markanteste Beispiele zu nennen.

Auch einige Kirchen verdienen einen genaueren Blick. Zum einen wäre hier die Jakobikirche zu nennen, die zwischen 1054 und 1079 errichtet wurde. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden das Westwerk mit seinen Turmaufsätzen errichtet sowie die Flachdecke des Mittelschiffes durch ein Gewölbe ersetzt und das Langhaus erhöht. 1506-1512 wurden die Seitenschiffe abgerissen und höher wieder aufgebaut und das Gebäude in eine Hallenkirche umgewandelt. Große Teile der barocken Ausstattung stammen aus dem aufgehobenen Stift Riechenberg. Besondere Beachtung verdient die spätgotische Pietà von Hans Witten aus dem Jahre 1520. Gerade der äußerst grimmige Gesichtsausdruck Mariens und der fast unnatürlich gekrümmte Fuß Jesu sind mir in Erinnerung geblieben.

Direkt am Hauptplatz Goslars liegt die Marktkirche St. Cosmas und Damian, die erstmals 1151 urkundlich erwähnt wird. Besonders beachtenswert ist der Fensterzyklus von 1250, der der älteste erhaltene Zyklus mit Darstellungen aus dem Leben der Heiligen Cosmas und Damian ist. Leider waren diese bei unserem Besuch nicht zugänglich. Auch die Neuwerkkirche aus dem 12. Jahrhundert ist einen Besuch wert, für den uns damals aber die Zeit fehlte.

Der zentrale Platz Goslars ist der Marktplatz an dem unter anderem das 1484 errichtete Gildehaus der Gewandschneider, der heutige Kaiserworth steht. Noch heute zeugt der aufwändige Bau vom Reichtum der Gilde, auf den auch ganz unmittelbar die Figur der Abundantia, die Göttin des Überflusses, und das unter ihr hockende Dukatenmännchen verweisen. Seit 1831 wird das Gebäude als Gasthaus und Hotel betrieben. Auch am Marktplatz liegt das Rathaus von Goslar, was bei unserem Besuch wegen Bauarbeiten leider komplett geschlossen war. Im Rathaus befindet sich der Huldigungssaal, der von einem unbekannten Meister 1501 bis 1515 ausgemalt wurde. Diese ehemalige Ratsstube ist mit ihrer Ausmalung ein besonderes Beispiel profaner Raumkunst der Spätgotik in Deutschland, mit Anzeichen einer beginnenden Renaissance.

Abends waren wir im Brauhaus Golsar gegenüber der Kirche St. Cosmas und Damian und hatten mit Hannah eine der freundlichsten Kellnerinnen, die uns seit langem begegnet ist. Neben Gose-Bier aus dem Harz habe ich zum ersten Mal vom Harzer roten Höhenvieh kosten können.

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