Magdeburg

Der Magdeburger Dom

Magdeburg ist eine Stadt der Gegensätze. Neben einem der wichtigsten Gebäude des deutschen Mittelalters, steht hier das letzte von Friedensreich Huntertwasser entworfene Haus und leider auch ganz viel Plattenbau und moderne Funktionsgebäude. Ich habe selten einen solch historischen Ort gesehen, neben Berlin oder Tarent, der an vielen Ecken so hässlich war. Allerdings muss man die Geschichte der Stadt betrachten und kann dann fast nur noch dankbar sein, dass doch soviel noch erhalten geblieben ist.

Erstmals 805 als Magadoburg erwähnt, entwickelte sich Magdeburg unter Kaiser Otto I. zu seiner vielleicht wichtigsten Kaiserpfalz. 1035 zur Messestadt erhoben, wurde Magdeburg eine wichtige Handelsstadt und das Magdeburger Recht vorbildhaft für große Teile Mittel- und Osteuropas. Das erste Schicksalsdatum der Stadt wurde der 20. Mai 1631. Auf dem Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges wurde Magdeburg von den kaiserlichen Truppen der katholischen Liga erobert. Dabei wurden bis auf wenige tausend Einwohner alle Menschen der Stadt massakriert und fast gesamt Magdeburg wurde ein Opfer der Brände. Bis heute existiert in diesem Kontext das Wort „Magdeburgisieren“ als Synonym für völlige Verwüstung/Vernichtung. Je nach Quelle vielen 20.000 bis 30.000 Magdeburger dem Wüten der kaiserlichen Truppen und den Bränden zum Opfer.

Es dauerte bis ins 19. Jahrhundert, bis sich Madeburg von den Folgen des Jahres 1631 erholt hatte. Keine hundert Jahre später folgte die zweite Zäsur der Stadtgeschichte. Seit 1943 schwer bombardiert, zerstörten die britischen Luftangriffe im Januar 1945 90% der historischen Altstadt Magdeburgs. Als wäre das noch nicht genug gewesen, erreichten am 11. April 1945 alliierte Truppen die Stadt und nahmen Magdeburg unter Beschuss. Gerade für uns im Süden Deutschlands ist das etwas, was Gott sei Dank bei uns keine Realität war. Wir hatten „nur“ Bombenangriffe und keinen direkten Frontverlauf.

Die Magdeburger Johanniskirche, wo 1524 Martin Luther predigte, ist in meinen Augen so etwas wie der Kummulationspunkt all dieser Ereignisse. 1131 im Stile der Romanik errichtet, wurde sie unter andem 1631 zerstört und dann wieder aufgebaut. Auch 1945 wurde die Kirche erneut fast völlig zerstört und erst zwischen 1991 und 1999 wieder aufgebaut, nicht aber rekonstruiert. Das Kircheninnere wird von modernen Glasfenstern dominiert, die mir persönlich überhaupt nicht gefallen haben. Vom Turm der Kirche hat man jedoch einen tollen Blick über die Innenstadt Magdeburgs.

Von St. Johannis führte mich der Weg entlang der Elbe zu zwei der wichtigsten Relikte des Magdeburger Mittelalters. Zunächst die gotische Magdalenenkapelle, die ab 1315 errichtet wurde. Nach Zerstörungen 1631 wurde die Kapelle erst 1711 wiederaufgebaut und in der Folge immer wieder umgestaltet, zuletzt umfassend in den 1960er Jahren. Direkt daneben befindet sich die Universitätskirche St. Petri, die im 12. Jahrhundert noch außerhalb des Stadtgebietes von Magdeburg errichtet worden war. Erst durch die Eingliederung des Fischerdorfs Frose 1380 wurde sie Teil der Stadt und weitgehend neu errichtet. Nur der Turm der Kirche ist noch vom romanischen Originalbau übrig geblieben. Auch hier haben die Jahre 1631 und 1945 schwerste Zerstörungen hinterlassen. Leider waren beide Objekte bereits geschlossen, als wir in Magdeburg angekommen waren.

Über das Denkmal für Otto von Guericke, einen bekannten deutschen Physiker aus Magdeburg (Experimente zum Luftdruck mit den Magdeburger Halbkugeln), erreicht man das Magdeburger Rathaus. In seiner heutigen Form wurde es nach der Zerstörung des alten Rathauses 1631 erst 1713 fertiggestellt und begrenzt den Alten Markt nach Osten. Vor dem Rathaus steht die vergoldete Figur des Magdeburger Reiters, der um 1240 entstanden war. Die Originale aus Sandstein kann man heute im Kulturhistorischen Museum der Stadt besichtigen, während auf dem Alten Markt eine vergoldete Kopie des 20. Jahrhunderts steht.

Normalerweise bin ich kein Freund der moderne Architektur des 20. Jahrhunderts. Bei den Gebäuden von Friedensreich Hundertwasser, ob in Wien oder eben hier in Magdeburg, muss ich gestehen, dass ich mich der Faszination dieser bunten und sehr ungeraden Architektur nicht entziehen kann. Für knapp 27 Millionen Euro wurde dieses letzte von Hundertwasser vor seinem Tod entworfene Gebäude im Zentrum der Magdeburger Innenstadt errichtet. Seit der Fertigstellung soll in den äußeren Zustand des Hauses möglichst nicht mehr eingegriffen werden. Durch das Wachsen der Bäume und das Verblassen der Außenfarbe soll es sich verändern und ein Gefühl des Wandels und Alterns eines Gebäudes vermitteln. Ebenerdig finden sich Geschäfte, Restaurants und Cafés, während in den oberen Etagen einige Gewerberäume und vor allem Wohnungen liegen. Jeder Bewohner hat auch das „Fensterrecht“ und darf, soweit seine Arme reichen, die Fassade seiner Fenster selbst gestalten.

Das Liebfrauenkloster

Direkt gegenüber unseres Hotels (Hotel One), seine Ausstattung betreffend das Beste unserer Rundfahrt, liegt das Kloster Unser Lieben Frauen, das zu den bedeutendsten romanischen Anlagen Deutschlands zählt. Durch den Magdeburger Erzbischof Gero zwischen 1015 und 1018 gestiftet, wurde es in seiner heutigen Gestalt 1063/64 neu errichtet. In der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden die Kirchtürme fertiggestellt und zwischen 1220 und 1240 kam es zu einigen gotischen Umbauten. Da es katholisch geblieben war, wurde das Stift im Rahmen der Plünderungen 1631 weitestgehend verschont, aber 1832/34 wie viele Klöster säkularisiert. 1945 wurden bei Luftangriffen der westliche Flügel der Klausur und das Dach der Kirche zerstört, womit das Kloster im Vergleich zur restlichen Stadt noch relativ glimpflich davon gekommen ist. Aus Zeitmangel hatten wir uns leider entscheiden müssen, keine Innenbesichtigung vorzunehmen, da die Kirche alleine nicht zugänglich ist, sondern nur im Rahmen des Gesamtkomplexes.

Das absolute Highlight der Besichtigung Magdeburgs war für mich der Magdeburger Dom St. Mauritius und Katharina. Der Dom ist die erste von Anfang an gotisch konzipierte und die am frühesten fertiggestellte Kathedrale dieser Epoche auf deutschem Boden. Er wurde ab 1207 oder 1209 bis 1363 errichtet und ist die Grabkirche Ottos des Großen. Schon 937 hatte Otto I. hier das Mauritiukloster gegründet, in dem 946 seine erste Gemahlin Edith beigesetzt wurde. Der heutige Dom ist daher auch bereits der dritte Kirchenbau an dieser Stelle und wurde von den Verwüstungen des Jahres 1631 weitestgehend verschont. Im Zweiten Weltkrieg allerdings wurde der Dom leider sehr stark zerstört, sodass lediglich die östlichen Partien mit Chor, Chorumgang und Chorempore erhalten geblieben sind. Alle Glasfenster, ca. 300 m² Gewölbe und Teile der Fassade wurden zerstört.

Trotzem finden sich im Inneren nach wie vor einige besondere Kunst- bzw. Geschichtsschätze.

Paradiespforte von 1240/50

Die Figuren der zehn klugen bzw. törichten Jungfrauen (je fünf) sind ein in der kirchlichen Kunstgeschichte immer wieder dargestelltes Gleichnis. Im Mittelalter dienten die Jungfrauen als Mahnmal des allgegenwärtigen Todes. Die klugen Jungfrauen hatten genügend Öl in ihren Lampen, um diese brennen zu lassen, während die törichten leere Öllampen hatten und somit zurückgewiesen wurden. Menschen, die nicht so handeln wie die klugen Jungfrauen, kommen in die Hölle oder werden verdammt. Mit fast 130 cm sind sie die größte plastische Darstellung ihrer Art bis zu diesem Zeitpunkt.

Unbestreitbar ergriffen war ich, als ich am Grabmal Kaiser Ottos I. stand, der auch für die Geschichte meiner Heimatstadt Augsburg (Schlacht auf dem Lechfeld 955, erste Blüte der Stadt nach Ende des weströmischen Reiches) so wichtig war. Dabei ist die Grablege Ottos das beste Beispiel dafür, dass nicht allein Opulenz oder allgegenwärtiger Reichtum die Bedeutung einer Person zeigen, sondern Schlichtheit und die innere Ergriffenheit des Betrachters völlig ausreichend sein können.

Weitere sehenswerte Objekte sind die Alabasterkanzel von 1597 (eines der bedeutendsten Kunstobjekte der Renaissance in Deutschland), das Chorgestühl aus dem 14. Jahrhundert oder die aus einem Stein böhmischen Marmors geschaffene Altarplatte des Hochaltars im Chor von 1363, mit den Maßen 4,30 Meter zu 1,95 Meter die größte der Christenheit. Das Herrscherpaar aus dem 13. Jahrhundert in der um 1250 entstandenen Sechzehneckigen Kapelle stellt dem Volksglauben nach Otto I. und seine erste Frau Edith (Editha von Wessex) dar.

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