Der Hohe Dom zu Augsburg

Der alte Teil des Augsburger Doms ohne gotischen Ostchor

Der Hohe Dom zu Augsburg Mariä Heimsuchung, so der offizielle Name, ist eine der am meisten unterschätzen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Schlug hier während des frühen Mittelalters das Herz der Stadt, hat sich dies im Laufe der Jahrhunderte zunehmend geändert. Als Augsburg um das Jahr 1000 nicht viel mehr als zwei bis dreitausend Einwohner hatte, bildete der Dom auch geographisch die Mitte der Stadt. Dadurch bedingt, dass Bischof, Domkapitel und Stadt über Jahrhunderte mehr gegeneinander als miteinander gelebt und gearbeitet haben, liegt die Hauptkirche des Bistums heute jedoch gefühlt eher am Rand der Innenstadt. Auf dem großen Platz an seiner Südseite ist heute kein Markt, im Umfeld kein lebendiges Einkaufs- und Geschäftsviertel, wie man es eigentlich bei anderen großen Bischofskirchen Deutschlands kennt. Dies findet sich heute alles im Umfeld des Rathausplatzes.

Auch in der Forschung blieb der Augsburger Dom lange unbeachtet und erst dendrochronologische Untersuchungen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege Anfang der 2000er Jahre haben einen ganz neuen Einblick ermöglicht. Mittlerweile gilt der bereits 1006 fertiggestellte Bau als besterhaltene ottonische Kathedrale Deutschlands.

Neben dem Dom als solchem lohnt sich auch ein Besuch des Diözesanmuseums nördlich der Kirche, da hier unter anderem die Originale der Bronzetüren des Doms besichtigt werden können. Diese wohl um 1065 gegossenen Bronzetüren sind nach der Bernwardstüre des Hildesheimer Doms (1015) die ältesten erhaltenen Bronzetüren mit figürlichen Darstellungen in Deutschland.

Erreicht man den Dom von Süden kommend fällt auf dem großen Vorplatz die tieferliegende Ausgrabung einer Kirche ins Auge. Die Ruine der Johanniskirche, die man hier wieder zugänglich gemacht hat, zeigt, was die Zeit Napoleons für Lücken in Augsburg hinterlassen hat. Auch die Grablegen mehrerer bedeutender Augsburger Bürger und einige Kapellen wurden in diesem Kontext 1808 entfernt. Erst dadurch entstand der südlich Vorplatz überhaupt und das Gebäude des Doms kommt somit auch deutlich besser zur Geltung, als wenn man sich den Platz noch recht vollständig bebaut vorzustellen versucht.

Über den Fronhof und die Bischofsresidenz westlich des Doms möchte ich in einem gesonderten Beitrag berichten, wurden dort doch Konfessions- und Reichsgeschichte geschrieben.

Das Südportal des Augsburger Doms ist das figurenreichste Portal Süddeutschlands und nicht umsonst an der der Bürgerstadt zugewandten Seite des Doms angebracht. Denn anhand der Wappen am Portal lassen sich mehrere Augsburger Patrizierfamilien als Stifter des Portals identifizieren. Leider sind nicht mehr alle Figuren im Original erhalten und auch von der ehemaligen Farbigkeit der Figuren ist viel verloren gegangen. Die einzelnen Szenen der Mariengeschichte gehen fast nahtlos ineinander über, sodass es für den Betrachter nicht einfach ist, Anfang und Ende einzelner Geschichten zu erkennen. Entstanden ist das Portal in den Jahren ab 1356.

Der Augsburger Dom beherbergt in seinem Inneren einige sehr bedeutende Kunstschätze, die ich im Folgenden im Rahmen eines Rundganges einzeln vorstellen möchte; Christophorusfresko, Krypta, Salomonfenster, Prophetenfenster, Tafelbilder Hans Holbeins d. Ä. und die leider nicht zugänglichen Fresken der Ottonenzeit über dem gotischen Gewölbe.

Betritt man den Dom von Süden nicht durch das prächtige Südportal, sondern durch die deutlich bescheidenere Tür im Südwesten, fällt als erstes das monumentale Fresko des Heiligen Christophorus von 1491 ins Auge. Das Werk wird dem Augsburger Künstler Ulrich Apt d. Ä. zugeschrieben, dessen sonstige Werke leider weitestgehend verloren gegangen sind.

Das Salomonfenster

Direkt über dem Eingang befindet sich einer der größten Kunstschätze des Augsburger Doms, das sog. Salomonfenster von 1340. Es ist ein Meisterwerk der gotischen Glasmalerei und thematisiert die Weisheit des alttestamentlichen Königs und Marias als inhaltlichem Pendant. Im unteren Bereich mussten im 19. Jahrhundert einzelne Scheiben ersetzt werden.

Nach dem Blick durch das Hauptschiff wenden wir uns als nächstes der Krypta unter dem Westchor zu. Die eigens der urpsrünglichen Krypta vorgelagerte, neuere Krypta, kann man durchaus als Ausdruck der Abgrenzung des rein adeligen Domkapitels von den Bürgern der Stadt interpretieren, da es so gelang, den gesamten Westchor baulich zu erhöhen und somit sichtbar vom Rest der Kirche abzugrenzen. Im vorderen Bereich der Krypta sind eine Kreuzigungszene (1. Hälfte 14. Jhd.), eine darunter sichtbare Malschicht von ca. 1230 und ein Schmerzensmann um 1350 erhalten geblieben.

Der hintere Teil der Krypta (die „alte“ Krypta) ist der älteste Teil des Augsburger Doms und datiert um das Jahr 1000. Besonders erwähnenswert sind die Flechtbandplatten am Altar und den Türstöcken, die aus dem karolingischen Vorgängerbau des 8. Jahrhunderts übernommen und „zweckentfremdet“ wurden.

zwei der fünf Prophetenfenster am Übergang zwischen Außenmauer und Gewölbe

Der wahrscheinlich größte, für Touristen sichtbare Schatz des Augsburger Doms sind die Prophetenfenster des Hauptschiffes. Mit einer Entstehungszeit zwischen 1095 und 1135 gelten sie als ältester erhaltener Glasfensterzyklus Europas. Anhand vergleichbarer Darstellungen in anderen Kirchen kann man davon ausgehen, dass der Zyklus ursprünglich aus 12 Prophetenfenstern und 12 Apostelfenstern bestand. Die nördlichen Fenster (Apostel) wurden (wie alle nach Norden zeigenden Kirchenfenster Augsburgs) 1311 bei einem schweren Hagelsturm zerstört. Auch von den 12 Propheten sind heute nur noch fünf erhalten geblieben, wobei auch der Mose ganz rechts unter Verwendung alter Bruchstücke im 16. Jhd. wiederhergestellt werden musste.

Am Übergang zwischen den Fenstern und dem Gewölbe des Hauptschiffes kann man zudem gut erkennen, dass das nicht die ursprüngliche Baustruktur ist, da die Fenster durch das Gewölbe fast abgeschnitten werden. Hier darf man urpsrünglich von einer erst deutlich höher angesetzten Decke ausgehen, die den Fenstern deutlich mehr Platz gelassen hat. Erst die Umbauten und Erweiterungen der Gotik haben diesen etwas unglücklichen Zustand hervorgerufen. Diese Gotisierung des Kircheninnenraums begann um 1324, als im Westen neue Kapellen entstanden, die neue Apsis und die Vierung errichtet wurden, das neue Dachgewölbe eingezogen und die Kirche auf fünf Schiffe erweitert wurde. Auch der Bau des Ostchores nach Kölner Vorbild begann. Dabei nahm man, wie man es bei den Prophetenfenstern sehen kann, wenig Rücksicht auf die bereits vorhandenen Kunstobjekte der Kirche.

Dies zeigt sich auch an einem weiteren Kunstschatz, dem vielleicht größten der Kirche. Da dieser aber über dem gotischen Gewölbe außer Sicht des Besuchers liegt, haben ihn erst wenige Menschen überhaupt zu Gesicht bekommen. Die, wie Matthias Exner (Fachmann für ottonische Freskenmalerei – LMU München) schreibt, durch „Selbstfreilegung“, sichtbar gewordenen Fresken der Ottonenzeit konnten auch erst seit 2002 untersucht werden. Auch wenn hier noch viel Forschungs- und Restaurierungsarbeit zu leisten sein wird, kann man bereits festhalten, dass es sich bei diesem Freskenzyklus „neben Oberzell auf der Reichenau um den umfangreichsten erhaltenen Zyklus ottonischer Wandmalerei nördlich der Alpen, zudem um den einzigen einer ottonischen Bischofskirche, handelt.“ Vielleicht gelingt es dem Bistum, diese in den nächsten Jahren, eher dem(n) nächsten Jahrzehnt(en) zu sichern, zu restaurieren und vielleicht sogar der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Gedenkplatte für Otto III.

Ein Beleg für die zunehmend steigende Bedeutung Augsburgs auch in politischer Hinsicht stellt die Gedenkplatte für Otto III. dar. War Augsburg unter den Ottonen meist eher ein Nebenschauplatz geblieben, der vor allem als Treffpunkt für die Italienzüge genutzt wurde, änderte sich dies unter dem letzten Ottonen (Heinrich II.), der 1009 das Osterfest am Grab seines Vorfahren im Augsburger Dom feierte. Aus der bayerischen Nebenlinie der Ottonen stammend, zwang Heinrich den Leichenzug Ottos III., ihm dessen Eingeweide und Herrschaftsinsignien zu übergeben, um damit seinen eigenen Nachfolgeanspruch zu untermauern. Die Beisetzung der Eingeweide in Augsburg wiederum spricht für die steigende Bedeutung der Stadt im damaligen Reich, war dies doch ein hochsymbolischer Akt, dessen Wirkung in einer unbedeutenden Stadt völlig verpufft wäre.

Geburt Mariens von Hans Holbein d. Älteren

Als letztes möchte ich noch auf die Tafelbilder Hans Holbeins (1493) eingehen, die an den Säulen des Hauptschiffes angebracht sind. Ursprünglich für die Klosterkirche von Weingarten bei Ravensburg geschaffen, gelangten die Tafelbilder 1860 auf Initiative Bischof Dinkels in den Augsburger Dom. Holbeins Arbeiten gelten als Übergang der Gotik zur Renaissance, auch wenn er diesen nicht ganz so kraftvoll vollzog wie der nur wenig jüngere Albrecht Dürer. Weitere Werke Holbeins kann man heute im Schätzlerpalais in Augsburg besichtigen.

Ich habe hier nur eine Auswahl der bedeutendsten Sehenswürdigkeiten zeigen können. Der Augsburger Dom hat aber noch einiges mehr zu bieten und für eine Besichtigung sollte man das miteinplanen. An dieser Stelle möchte ich unter anderem auf die Türkenfahne im Ostchor, die Ecce Homo Figur Georg Petels (1630), das spätgotische Marienfenster, das ebenfalls spätgotische Chorgestühl oder die Darstellung des Terrakotta-Ölbergs von 1591 verweisen. Auch den Kreuzgang sollte man besucht haben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: