Bilderbuch Quedlinburg

Der Marktplatz von Quedlinburg

Ich hatte in meinen Leben das große Glück, schon viele Städte und Ortschaften in Europa sehen zu dürfen. Wenige haben mich bislang so beeindruckt wie das 944 zur Stadt erhobene Quedlinburg. Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass Quedlinburg die schönste Stadt Deutschlands ist. Zum Glück hatte die DDR kein Geld und die seit 1960 existierenden Pläne zum Abriss der mittelalterlichen Bausubstanz und Errichtung einer sozialistischen Musterstadt wurden nie umgesetzt. Denn so konnte viel der alten Pracht Quedlinburgs nach der Wende gerettet werden. Beginnend als Osterpfalz der Ottonen entwickelte sich die Stadt im Mittelalter zu einem wichtigen Zentrum der Tuch- und Gewandschneider und nach dem dreißigjährigen Krieg entstanden die meisten der noch heute erhaltenen Fachwerkhäuser.

Das Tüpfelchen auf dem „i“ war unsere Unterkunft und vor allem deren Lage. Das Best Western Hotel Schlossmühle liegt direkt unterhalb des Stiftsberges und abends mit einem Gläschen Wein oder Spritz auf der Terasse sitzend und das erleuchtete Stift im Blick, das hatte etwas Magisches…! Hier zeigte sich auch, dass bei einer solchen Lage schon allein Freundlichkeit, guter Service, Sauberkeit, ordentliches Essen und ein nettes Zimmer ohne allen Luxus und Schnick Schnack reichen, um ein unvergessliches Erlebnis zu generieren. Liebe Westerburg, bitte mehrere Scheiben abschneiden!!!! Ein Problem für Hotelerie und Gastronomie in Sachsen-Anhalt, gerade im Sommer, scheint aber der Mangel an Mitarbeitern zu sein, denn nicht nur in Quedlinburg haben wir erfahren, dass die Personaldecke sehr dünn ist, obwohl händeringend gesucht wird. Da uns dies im Best Western aber offen kommunziert wurde, war das für uns überhaupt kein Problem, denn gerade die Dame im Restaurant war sichtlich am Ende ihrer Kräfte aber trotzdem ausgesprochen höflich und zuvorkommend.

Von unserem Hotel ging es gemütlich um den Stiftsberg herum durch die Altstadt Quedlinburgs mit ihren unfassbar schönen und nahezu überall hervorragend hergerichteten Fachwerkhäusern. Hier weiß man manchmal gar nicht in welche Richtung man schauen soll, um ja nichts zu verpassen. Dabei passiert man auch den Finkenherd, wo der Legende nach der sächsische Herzog Heinrich im Jahre 919 bei der Vogeljagd erfuhr, dass er zum König des Ostfrankenreiches gewählt worden war. Seit dem 12. Jahrhundert nennt man Heinrich I. daher auch gerne „den Vogler“.

Im Zentrum der Stadt liegen der Marktplatz und das Quedlinburger Rathaus. Dieses gilt als eines der ältesten gotischen Rathäuser Mitteldeutschlands und wurde erstmals 1310 urkundlich erwähnt. In den Jahren 1615/16 und 1898/1901 fanden weitgehende Umbauten statt, die das heutige Erscheinungsbild prägen. So entstand 1615/1616 die noch heute bestehende Fassade. Statt der alten gotischen Spitzbogenfenster wurden die paarweisen rechteckigen Fenster eingefügt.

In der Umgebung des Marktplatzes gäbe es mehrere Kirchen, die man besichtigen sollte, allerdings waren wir am Ankunftsttag zu spät und mit St. Wiperti und der Stiftskirche St. Servatius auf dem Schlossberg, war auch am Tag darauf leider keine Zeit mehr. Für Quedlinburg sollte man sich, wenn möglich, daher mindestens zwei volle Tage nehmen. Aber St. Aegidii, eine spätgotische dreischiffige Kirche mit wuchtigen, festungsartigen Türmen oder St. Nikolai in der Neustadt, das 1222 erstmals erwähnt wurde und mit ihren 72 Meter hohen Türmen und ihrem hohen dreischiffigen Bau ein imposantes Beispiel für einen frühgotischen Kirchenraum ist, seien hier genannt.

Detail eines Fachwerkhauses

Quedlinburg lädt auch dazu ein, sich einfach durch die Gassen der Altstadt treiben zu lassen, denn überall kann man kleine, besondere Details finden, wie diese süßen kleinen Gibelfensterchen mit den schönen Holzschnitzereien darunter. Mein Tipp daher: mindestens eine Stunde einfach nur ziellos durch die Gassen schlendern, um den Charme der Stadt wirklich voll genießen zu können.

Etwas außerhalb der Altstadt im Südwesten liegt die romanische St. Wiperti-Kirche. Sie gilt als architektonisches Meisterwerk der Romanik und zeugt von der wichtigen Vergangenheit des Areals als Königshof der Ottonen. Bereits im 9. Jahrhundert gegründet, wurde die Kirche zwischen 936 und 1146 Teil des ottonischen Königshofes, der zum Teil hier, zum Teil auf dem Burgberg angesiedelt gewesen sein dürfte. Einige Bauteile der St. Wiperti-Kirche reichen mit ihrer Erbauungszeit bis ins 10. und 11. Jahrhundert zurück.

Nach der Aufhebung des Damenstiftes 1802 fiel das Wipertigut 1812 an die Stadt Quedlinburg und die Kirche wurde in der Folge als Scheune und die Krypta als Molkereikeller verwendet. Seit 1994 zählt sie, wie die Stiftskirche St. Servatius zum UNESCO-Weltkulturerbe und konnte durch umfassende Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten gerettet werden. Daher präsentiert sich das Kircheninnere aber heute recht schmucklos, da die Innenaustattung die wechselhafte Geschichte und Nutzung nicht unbeschadet überstanden hat.

Wenn man die Kirche besucht, sollte man unbedingt der äußerst fachkundigen und informativen (kostenlosen) Führung durch die Kirche folgen, da gerade die Bedeutung und kunsthistorische Einzigartigkeit der Krypta nur so für Laien nachvollziehbar wird.

Von St. Wiperti ging es zurück Richtung Schlossberg, allerdings mit einem kleinen Abstecher auf den benachbarten Münzberg, von dem man einen tollen Blick auf die Stiftskirche St. Servatius hat. Wohl schon in der Jungsteinzeit besiedelt, wurde hier 986 ein weiteres Kloster gegründet, das bis zur Reformation Bestand hatte. Etwa ab 1580 wurde der Münzberg vor allem von einfachen Handwerkern, Musikanten und fahrendem Volk bewohnt, weswegen die Quedlinburger die „Münzberger“ mit Argwohn betrachteten. Auch deswegen entwickelte sich auf dem Münzenberg sogar ein eigener Wortschatz. Die neuen Bewohner des Münzenbergs errichteten inmitten der Ruinen der Klosteranlage planlos ihre kleinen Fachwerkhäuser. Für die Bauten wurde Baumaterial der eingestürzten Gebäude genutzt. Auch wurden erhalten gebliebene Mauern in die neuen Häuser einbezogen. Dies gibt dem Gesamtensemble heute einen ganz eigenen charakteristischen Charme, den man unbedingt gesehen haben sollte.

Für das Gesamtensemble Schloss und Stiftskirche inklusive der Museen sollte man sich mindestens zwei Stunden nehmen, um sich alles in Ruhe und entspannt ansehen zu können. Dabei muss man leider sagen, dass das Museum im Schloss den Besuch prinzipiell nicht wert ist (in meinen Augen didaktisch dringend überarbeitungswürdig und auch zu viele zu unterschiedliche Themen auf zu wenig Raum), aber preislich im Ticket für die Kirche inkludiert ist.

Der heute noch existierende Kirchenbau wurde 1070 nach dem Brand des Vorgängerbaus begonnen und 1129 geweiht. Der Hohe Chor wurde um 1320 gotisch umgebaut und bei den Restaurierungsarbeiten Ferdinand von Quasts 1863-1882 erhielt die Kirche zwei neuromanische Türme mit stilwidrigen sog. „rheinischen Helmen“. Nach der Beschädigung der Turmhelme durch Artilleriebeschuss am 17. April 1945 wurden die Türme 1946 bis 1948 wiederhergestellt, jedoch mit dem romanischen Stil angepassten niedrigen Pyramidendächern.

Leider ist in St. Servatius sowohl in der Krypta, als auch in den Bereichen des Domschatzes das Fotografieren verboten, weswegen ich einige der bedeutendsten Kunstschätze der Kirche nicht zeigen kann. Denn trotz des auf den ersten Blick sehr schlichten Inneren hat die Kirche einiges zu bieten.

Zum einen wären die aufwendig mit Figuren-, Tier- und Pflanzenmotiven verzierten Kapitelle und Kämpfer der Säulen zu erwähnen. In der Krypta der Kirche befinden sich die Grablegen König Heinrichs I. und seiner Gemahlin sowie vieler der Äbtissinen des Quedlinburger Stifts. Darunter sind viele Verwandte des ottonischen Herrscherhauses. Vor allem aber die kostbaren Deckenmalereien sind wirklich etwas besonderes und konnten glücklicherweise gerettet werden.

Im Domschatz findet sich der Quedlinburger Knüpfteppich, der ursprünglich den Hohen Chor schmückte. Mit einer Entstehungszeit um 1200 ist er wohl der älteste seiner Art in Europa und gehört zu den größten Kostbarkeiten mittelalterlicher, monumentaler Textilkunst, vergleichbar etwa mit dem Teppich von Bayeux.

Mehrere kostbare Reliquiare und Handschriften komplettieren den Domschatz. Hierzu zählen zum Beispiel auch die Quedlinburger Italafragmente, fünf Pergamentblätter aus dem 5. Jahrhundert. Sie sind die ältesten bekannten illustrierten Bibeltexte überhaupt.

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